Ablegen
5 Uhr 40, Wecker klingelt
der böse Ton zum Aufstehn
lieg in der Koje ganz geringelt
Ich wollt, ich wär ein Ren:
Dann könnt ich lassen und tun
wonach mir die Sinne stehen
Vielleicht eine Weile muhn
oder ein bisschen gehen,
die Nase in den Wind halten,
zwischendurch was leckeres knabbern …
so würd ich  mir den Tag gestalten

Stattdessen …
Augen auf, raus aus der Koje
schnell in die Klamotten rein
eine Person steht wie ne Boje
steht mitten im Weg, kein …
Durchkommen, Blockade unter Deck.
Die Zeit, die Zeit rennt und rennt
Mach Platz, geh endlich weg
Irgendwie bin ich verklemmt
wir ham doch wichtige Termine
mit einem Schiffsbedarfs-Ausstatter
oder ist es eine Ausstatterine?
Oh, das Gendern … ratter ratter
klappt zu dieser frühen Stunde
auch nur so semi, Kopf noch aus
Schwimmweste an, Blick in die Runde
schnell auf das Deck hinaus
Skipperin, was soll ich tun?
Steh nutzlos in der Gegend rum
und würd doch lieber weiter ruhn.
Motor an, Leinen los, mach mich krum.
… und wir fahren los …

6 Uhr Abgelegt
Skipperin sagt, geh mal runter,
mach uns Kaffee, mach uns munter
Also, mach ich‘s, weil ich‘s kann
den tricky Petroleum-Herd an.
schau der Flamme verschlafen zu
und sage leise ich zu mir „Muh!“

Unterwegs
Kein Wind in Sicht, wird auch nicht kommen.
Der Motor juckelt vor sich hin.
Bin doch zum Segeln her gekommen,
nicht, um auf ner Motoryacht zu sin!
Kurs Süd-West, Autopilotin steuert
halte Ausschau, gucke rum,
Ob irgendwo irgendetwas läuert.
Aber nix los auf dieser See,
gucke dumm …
… herum …

Weiter unterwegs
Der Motor röhrt so vor sich hin
Kühlwasser sprotzelt hinten raus
Jetzt gibt’s sogar ein bisschen Wind.
Zwei Segler vorn voraus.
Die Briese ist nur seicht und schwach
… aber … Ach …
Es ist die falsche Richtung,
die Segler*innen in Sichtung
kommen uns entgegen
sie haben – welch ein Segen –
den Wind gemütlich von achtern.

Was würd ich dafür tun,
führe uns der Kurs auch nordwärts
Ich würd nicht mehr muhn,
ohne diesen ganzen lauten Terz
mit dem Motor-Geröhre …
Und ick janz Berlina Göre
sage wieder leise zu mir „Muh!“

Immernoch unterwegs
Skipperin sagt, „wir ham Wind!
Da könnten wir ja doch geschwind,
das Groß befreien von der Persenning
und ein, zwei Kreuzschläge probieren.“

Gesagt, getun, getan, getäten,
ich strecke meine müden Gräten
und bereite hoffnungsfroh,
all das Nötige bevor.
Als alles b‘reit war für den Wind,
war der wie’n trotziges Kind
wieder eingeschlafen
… und weg …
… wat für‘n Dreck.
Und so röhrt der Motor weiter
und ich überhaupt und gar nicht heiter,
weiß nicht, was ich tu,
sage leise zu mir „Muh!“

Hafenkino
Da ham wa festgemacht an einer Pier.
Und dann – oh Schreck – was sehen wir?
Ein Kran!
Und da kommt schon ein Boot
Die letzte Lein‘ grad fest mit Knot.
Wir müssen weg von hier, geschwind
Und was macht jetzt der blöde Wind?
Drückt die ANUK an die Pier.
Wie kommen wir jetzt weg von hier?
Skipperin überlegt,
weiß genau, wie das jetzt geht:
Um‘s Eck ist noch ein freier Steg
Eine macht sich auf den Weg,
mit einer laaaaaaangen Leine,
um das Schiff herum zu ziehen.

Dann wird gezottelt und gezogen.
Und ich sag es ungelogen,
auch Rufe sind hier mit im Spiel,
Gezogen wird nun wirklich viel
Leinen lose, Leinen fest,
Wind weiter aus Südwest
Eine zweite Leine noch dazu.
Und damit ist dann Flux im Nu
mit Maschine und noch andern
die ANUK am Wandern
… zum Bestimmungssteg
… bewegt

ANUK hat jetzt erstmal Pause
… und Ruh!
Wir sagen „Wat für ne Sause!“
… und „Puh!“

Im Reim-Rausch hatte Carola eigentlich vor, auch den Rest des Tages noch zu verdichten, aber es ging die Inspiration aus.

Als Nachtrag noch soviel: Wir konnten doch an dem Tag eine Stunde segeln (Muhn war also nicht mehr nötig!) Und am Ende des Tages fiel Ursula frisch aus der Sauna beim Übersteigen ins Wasser. Zum Glück hat sie sich dabei nicht verletzt. Der Bootsnachbar hat Ursula zum Aufwärmen zu einem Whisky eingeladen und wir anderen tranken auf den Schreck einen guten Rum von Lore und Peter, der eigens für die Reifung in Fässern über den Ozean geschippert wurde.

Anmerkung zu der Dichterei: Carola bittet im Zuge dichterischer Freiheit, zu akzeptieren, dass Rentiere zumindest Muh-ähnliche Geräusche machen könnten.