Alltag auf See

Wir sind jetzt seit neun Tagen unterwegs. Gestern irgendwann haben wir die halbe Strecke geschafft, gut 1200 nm.
Langweilig ist es uns bisher nicht. Nur kurz beschlich Helga ein Anflug von Langeweile. Das hatte sich aber schnell erledigt, nachdem sie Werkzeug putzen und pflegen durfte. Vermutlich wird es auch nicht wieder vorkommen.

Captain ULI vertreibt sich die Zeit mit Klopumpe (jetzt ist sie wieder dicht und es steht kein Wasser mehr in der Schüssel). Der Petroleum-Herd ist auch immer gut zum Zeit vertreiben.
Nach zwei Jahren Nutzung war das Fahrradventil am Tank zum Aufpumpen des Drucks abgebrochen. Ersatz ist an Bord, also theoretisch kein Problem. Leider verliert der Tank zügig den Druck, das Abendessen wird mit Dauerpumpen gekocht. Heute früh mit Tageslicht versucht ULI es weiter. Den Fehler findet sie dann immerhin. Das Ventil sitzt korrekt und ist dicht. Nur schließt es nicht, sobald der Pumpenschlauch angeschlossen ist. Warum auch immer. Jetzt muss halt einer immer den Schlauch halten und ein Zweiter pumpen. 
Zur Belohnung gibt es frischen Kaffee und Porridge.

Wir freuen uns auch über Regenschauer, die ihren Namen verdienen. ANUK wird etwas vom Saharasand befreit. Braune Brühe verschwindet in der See. Bis das Rigg sauber ist, braucht es aber noch deutlich mehr Nass von oben. Noch immer ist es 28° C warm.

Und jetzt warten wir auf Wind und Till freut sich auf hohe Wellen. Vielleicht gibt es heute Abend endlich selbst gefangenen Fisch.

Text: alle

Die Tage gleiten dahin

Mittlerweile laufen wir seit sechs Tagen mit NE Wind auf direktem Kurs Richtung Bermudas. Wind und Wellen sind etwas weniger geworden, unsere Tages-Etmale liegen zwischen 140 und 150 nm. Die Crew hat sich an das Schaukeln und den Wachrhythmus gewöhnt. Schlafen, Essen, Wache gehen (mit Vollmond).
Zur Abwechslung gibt es ab und zu Frachter (einer auf Kollisionskurs, er musste ausweichen), Delfine sowie heute Wale (Die Crew und die Captain sind sich nicht einig. Die Captain tippt auf großen Delfine.).
Gelegentlich gibt es etwas Regen, eine gern genommene Abkühlung bei Temperaturen von knapp 30° C.

Die nächsten Tage soll es so bleiben, …

Text: Uli

Eine Woche Meer

Am fünften Tag auf dem Atlantik, mit allen Windrichtungen und verschiedenen Wetterbedingungen, sind wir gesund und guter Stimmung an Bord. Digitales Detox, kein Empfang, dafür umso mehr magische Naturerlebnisse. Mehrmals haben uns Delfine begleitet, spielend in der Bugwelle. Nach „stürmischer“ regnerischer Nacht sitzen wir wieder in der Sonne und schaukeln mit achterlichem Wind Richtung Süden.

Text: Christian, Gerda, Kai, Helga, Uli, Betty

Go East

Strahlend blauer Himmel, gut 20° C 
ANUK rauscht bei halbem Wind über die Wellen. Das ist Segeln vom Feinsten.
Nach der insgesamt dritten Nacht auf See hat sich der Bordrhythmus mit der neuen Crew eingespielt.
Gestern war es etwas ruppiger mit 6 Bft, die See hat sich aber schnell beruhigt.
Leider gab es bisher weder Wale noch Delphine zu sehen. Jetzt gerade passiert uns auf Gegenkurs mit 1,3 sm Abstand der Kreuzfahrer „Sky Princess“, 330 m lang mit Ziel Ponta Delgado. Gut, dass wir da weg sind. Uns überrascht wieviele Kreuzfahrtschiffe um diese Jahreszeit die Azoren ansteuern. Vielleicht sind das die Preisschnäppchen „Überführungsfahrt“.

Wir freuen uns auf weitere entspannte Tage und hoffen, dass wir nicht zu lange Motoren müssen.
Die Hoffnung auf Wale haben wir auch noch nicht aufgegeben.

Text: Uli

Ab in den Süden – Azoren voraus

Was für ein Kontrast: es ist schwül und warm, auch nachts reicht die kurze Hose. ANUK läuft unter gerefften ansegeln mit 7 kn angenehm über die Wellen. Kein Vergleich zu 8 Bft. gegenan und 7 m Wellenhöhe. Zugegeben, der Süden hat auch ein paar Vorteile. Predict Wind Weatherrouting gibt noch
24 h Motorunterstützung an. Etwas Schwachwind werden wir noch bekommen. Die letzte Flaute wurde begeistert für ein Bad im tief blauen ca. 4000 m tiefen Atlantik genutzt. Dafür sind wir zurzeit wieder zu schnell. 

Irgendwann heute haben wir Bergfest, dann ist die Hälfte der Strecke geschafft. 

Text: Uli 

Es ist Samstag, der Sommer in Hamburg nimmt sein Ende und es erreicht mich die Nachricht von meiner lieben Cousine Ulrike, ob ich Zeit und Lust habe in 5 Tagen in La Coruña zu sein und als vierte Kraft an Bord Richtung Azoren zu segeln. Freudig bejahe ich das und bin tatsächlich fünf Tage später in dieser netten Stadt an der spanischen Atlantikküste und nach weiteren 14 Stunden auch schon auf dem Atlantik, meine erste Blauwasser-Segelerfahrung steht früher als erhofft an. Im Morgengrauen verlassen wir im Nebel das Hafenbecken der Marina Coruña, ein Delfin begleitet uns, es ist sehr ruhig. Etwa die ersten beiden Tage schippern wir mit Motor rum. Der Sprung in die atlantische Badewanne erweckt immer mehr den Eindruck einer sehr exklusiven Kreuzfahrt – natürlich frei von der moralischen Qual der Umweltverschmutzung, damit wir auch weiterhin verächtlich auf die Aida oder die „mein Schiffs“ dieser Welt blicken können. Am Samstag ist es dann aber auch endlich mit dem Rest Umweltverschmutzung vorbei und die ANUK sprintet unter Segeln Richtung Azoren. Der Atlantik Zeigt sich jetzt von der erhofften schönen Seite. 

Text: Till

Ab in den Süden – Biscaya

Wir werden zur Abwechslung verwöhnt. Sonne, guter Segelwind und es ist angenehm warm. Letzte Nacht bei halben Wind W 5-6 Bft. rauscht ANUK mit bis zu 9 kn dahin. Wir kommen also entspannt über die berüchtigte Biscaya. Weiter nördlich tobt sich schon wieder ein Tief über dem Nordatlantik aus.

Kaum vorstellbar, dass es in Spanien richtig warm wird. Irland war schon angenehm mild und unter Deck hatten wir zum Teil 20° C, ohne Heizung.

ANUK wird den Winter bei sommerlichen Temperaturen verbringen. Bevor es wieder in die Kälte geht.

Seit Irland sehen wir viele Delphine. Sie besuchen uns regelmäßig und spielen in der Bugwelle. Selbst in der letzten Ankerbucht kamen sie mehrfach vorbei. Einige sind flink, klein und dunkel, andere elegante, größere Springer (keine Chance auf gute Fotos, einfach zu schnell). Sie werden in den nächsten Monaten ANUKs ständige Begleiter sein.

Seit heute früh liegt die Celtic Sea hinter uns und wir sind um tiefen Wasser der Biscaya. Wir hoffen auf weitere Delphine und vielleicht auch mal einen Fisch an der Angel. Von meiner letzten Biscaya Überquerung erinnere ich mich an kristallklares, blaues Wasser und sehr viele Delphine.

Die Bordroutine ist gut eingespielt. Wache zu gehen bei ruhigen Bedingungen ist entspannt, auch wenn uns hier mehr Verkehr und viele Fischer beschäftigen.

Text: Uli

Island – ohne Schiff, auf 4 Rädern

Mitte September hieß es Abschied nehmen von ANUK und Crew. Während Uli, Uta, Peter und Mike weiter gen Süden segeln, bleiben wir zu viert noch etwas auf Island. Gunter, Carola, Thomas und Astrid haben ein Auto gemietet, Zelt und Wanderschuhe eingepackt und verlassen Reykjavik mit einem Tag Verspätung bei Dauerregen, aufkommenden Starkwind und mieser Sicht. Dank an die ANUK-Crew, dass wir noch eine Nacht an Bord verbringen konnten. So richtig los wollten wir nicht, da erstmal nur graues Schmuddelwetter lockte.

Trotzdem wurde alles gut und es war alles dabei. Wir wussten in etwa was im September auf Island zu erwarten und zu erhoffen ist und so isses auch gekommen. Viel Sonnenschein, grandiose Aussichten, Hot Pots, Geothermalbäder, tief hängende Wolken und Nebel, Sturm gepeitschte Küsten, ein kollabiertes Zelt, nasse Schlafsäcke, nasse Klamotten, warme Stuben mit Kaffee und Tee umsonst, meist warme aber auch mal kalte Camping-Küchen. Fast immer nette Leute und meist nur wenige Tourist*innen. Auf der Fähre zu den Färöer, auf der ich schreibe, ist es auch recht leer.

Unsere erste Nacht verbringen wir in einer kleinen warmen Lagerhalle und müssen nicht im Regen das Zelt aufschlagen. Die zweite Nacht ist okay, für die dritte Nacht ziehen wir in eine kleine Hütte um. Als wir bei Regen und Sturm von unserer Wanderung mit Aufwärmen im heißen Strandschwimmbad Krossnes zurück kommen, ist Carolas Zelt kollabiert. Die Stangen sind an vier Stellen gebrochen, das Zelt samt Inhalt wird durch die Heringe am davonfliegen gehindert. Astrid’s Iglu-Zelt steht zwar noch, wird aber in den Böen nahezu platt gerückt und innen ist es schon bedenklich nass. Wir sind heilfroh, dass wir eine Hütte mieten und alles trocknen können. Danach läuft alles glatt und wir können auf sehr schönen und manchmal weniger schönen Campingplätzen zelten und in geheißten Küchen kochen, essen, lesen. Auf mehrtägige Touren verzichten wir…

Die meiste Zeit verbringen wir in den Westfjorden, danach geht es an die Nordküste (Grettislaug) und zum Myvatn. Wir geben acht darauf, keine Highlights und keinen Wasserfall auszulassen. An der Ostküste dann wieder Regen nonstop und tief hängende Wolken. Die geplante Bergtour von Bakkergerdi aus wird gestrichen. In Seydisfjordür, unserem letzten Stopp am Fährhafen, können wir bei milden Temperaturen und etwas Sonne noch eine tolle Wanderung machen. Vom Berg aus sehen wir schon die Fähre, die uns nach Dänemark bringt.

Astrid (einmal Skipperin, immer Skipperin) guckt an Bord Wetter und checkt die Windverhältnisse (ja, die Bordansage stimmt 🙂 und der Kapitän fährt auch richtig aus dem Fjord raus. Es ist ein komisches Gefühl nach langer Zeit wieder nach Hause zu fahren. Gunter und Carola sind seit zwei Monaten unterwegs, Astrid seit drei Monaten und Thomas fünf Wochen.

Text: Carola und Astrid

Welle versus Essen


Wir sitzen gut gelaunt bei Sonne im Cockpit. ANUK reitet souverän durch die noch hohe See. Raumer Wind 25-30 kn, gereffte Genua …
Es soll weiter abflauen bis pünktlich vor dem voraussichtlichen Zwischenstopp Irland am Samstag das nächste Tief kommt.
Man merkt, dass es Herbst wird auf dem Nordatlantik und ein Tief folgt dem nächsten.
Für uns Grönlandfahrer ist es allerdings sommerlich warm, eine erste Ahnung vom Süden.

Die letzte Nacht war die unruhigste. Wir hatten abends noch versucht Halbwind Kurs zu laufen, pünktlich zum Abendessen servieren erwischte uns dann der erste Brecher. Die kurz abgestellt Schüssel mit Rote Beete Orangen Salat schoss zielsicher in die Nawiecke. Statt etwas auf die Mütze Salat im Gesicht. Jedenfalls für Peter, der daneben saß. Schäden keine. Segel verkleinert, etwas abgefallen und gut durch die Nacht gekommen, mit morgens 35-40 kn , in Böen gut 45 kn Wind.
ANUK macht sich gut, der Autopilot steuert sicher und der Windgenerator liefert genug Energie.

Im Vergleich mit der LUNA alles entspannt im gut geschützten Cockpit. Rollreffanlagen sind auch was feines.

Die Wetternavigation wird uns weiterhin fordern. Irgendwie wollen wir ja weiter zu den Azoren. 
Astrid und Reinhard unterstützen mit Infos von Land. 

Zwischen den Welten senden wir viele Grüße 

Text: Uli

Endlich Segeln. Endlich Sonne.

Donnerstagnachmittag (07.09.2023) lichten wir den Anker. Zuvor Wacheinteilung. Dinghy einpacken. Alles Seefest machen. Am Tag vorher noch schönster Sonnenschein, jetzt ist es bedeckt und nieselt. 3 Windstärken aus West, später auf NW drehend. Nach 1 ½ Stunden Segeln, Motor wieder an. Thomas: „Ich dachte, es ist ein Segelboot und kein Motorboot!“ Im Laufe der Nacht dreht der Wind auf SüdOst, am Tag weiter auf Ost. Nach Ost wollen wir! Wir passieren Eisberge, nachts auf dem Radar gut zu erkennen. Die ganze Zeit fliegen Möwen und Sturmvögel neben uns her. Einmal scheinen Delfine bei der Jagd zu sein. Wir sehen ein paar Flossen. Am Rand des grönländischen Schelfs tauchen Wale auf. Erst Freitagabend können wir den Motor endlich ausmachen. Endlich Segeln, wenn auch mit Wind aus OstSüdOst und 4-5 Windstärken. Wir kreuzen. Zwischendurch entfernen wir uns eher von Island. ANUK steuert sich hoch am Wind selber trotz Welle gegen an (ganz ohne Autopiloten). Nur hin und wieder braucht das Ruder einen Schupps in die richtige Richtung. Vereinzelt noch Eisberge. Und: Endlich Sonne. Verschiedene Vorhersagen prognostizieren früher oder später kommt der Wind nördlicher. Samstagabend dreht er langsam. Freude, der Kurs wird besser. Sonntag früh endlich Nord-Wind. Wir können direkten Kurs auf Island nehmen. Es gibt Sonntagsfrühstück: Spiegeleier mit selbstgebackenem Brot, und später Sonntagsbraten: Lammkeule mit Bohnen, Kartoffeln an Sahnesauce. Die Nacht ist sternenklar. Wir sehen Polarlichter. Uta: „Sieht aus wie ein Theatervorhang, der sich öffnet und die ANUK auf den Wellen darf Teil der Vorstellung sein. Und die Sterne… sind das Publikum!“ Irgendwann taucht ein Licht auf. Ein anderes Schiff? Ein Stern? Die Venus geht auf! Und laut Sternen-App ist sie zurzeit nicht der einzige Planet: Auch Uranus und Pluto sollen zu sehen sein. Montag Nachmittag lässt der Wind – wie vorhergesagt – wieder nach. Zwei Knoten Fahrt. Genau die richtige Geschwindigkeit für Manni (aufmerksame Blog-Leser*innen kennen Manni. Siehe Blog Etappe Norwegen – Jan Mayen). Zusammengebaut. Zu Wasser gelassen. Für Manni ändern wir eine halbe Stunde den Kurs, um die richtige Mess-Geschwindigkeit zu haben. Erfreulicherweise ist fast kein Plastik zu finden. Wieder auf Kurs. Motor an. Nach Island sind es noch ca. 45sm. Lichter sind schon lange zu sehen. Nach fünf Tagen kommen wir nachts um Zwei in Reykjavik an.  

Text: Carola

Auf dem Weg zur ANUK nach Ost-Grönland…

Teil 2/2

Unter Hunden… endlich (18.08.2023) Weiterflug nach Grönland. Im Landeanflug die ersten Eisberge. Sonne scheint. Krasse Landschaft. Überwältigt. Der Flugplatz mitten im Nirgendwo, ursprünglich von den Amis im Zweiten Weltkrieg gebaut, wie viele Flugplätze auf Grönland. Gepäck bringt der Trekker vom Flugzeug ums Haus rum (vor die „Abflughalle“) -> Kannste Dir selber raussuchen. 20min zu Fuß zum Dorf Kulusuk, vorbei am Hotel Kulusuk, wo die meisten Touris absteigen, die erstmal in hierbleiben. Unser erster Anlauf-Punkt: Pilersuisoq (der Supermarkt). Gepäck abstellen. Rundgang durchs Dorf auf der Suche nach den Guesthouses. Wir finden nichts! Fragen in der Verwaltung: „Call, Bent. I give you the number.“ Nach hin und her telefonieren – Bent ist unterwegs –, stellen wir unser Zelt in der Nähe seines Guesthouses auf mit der Option, am nächsten Tag ins Haus zu wechseln. Später ruft er uns von weitem zu. „Are you looking for Bent? I’m Bent.“ Auch in der zweiten Nacht bleiben wir im Zelt. Liegen weich auf Gras. Wasser vom Wasserhäuschen. Als Toilette die 5min entfernte Müllhalde. Jedes Dorf hat einen Ort – etwas abseits -, wo der Müll hin gekippt wird. Alles! Aber auch in den Siedlungen liegt einiges: Plastik, Glasscherben und Dosen, Leinen, Paletten, kaputte Außenborder und Snowmobile. In Tasiilaq sehen wir alle paar Tage, wie Müll angeliefert wird und dann auf die Halde gebracht wird. An anderen Orten gibt oder gab es Müllverbrennungsanalagen.

Kulusuk wirkt irgendwie traurig. Ein Einheimischer erzählt: „Alle, meine Verwandten sind Alkoholiker, ich nicht!“ Einmal sehe ich einen Mann rücklinks auf der Straße liegen. Voll breit. Beim Aufrichten muss ich ihn stützen, damit er nicht sofort wieder umkippt. Kommunikation schwierig. Laufe mit ihm in die Richtung, in die er zeigt. Eine Frau reicht ihm ein Paket, entschuldigt sich fünfmal bei mir. „Sorry, he is drunk!“ Nach ein paar Minuten kann er wieder alleine torkeln. Später hebt ihn nochmal jemand auf. Kinder fahren mit dem Fahrrad durch die Gegend, kicken auf dem Fußballfeld oder ärgern Hunde-Welpen. Leute laufen hin und her, aus dem Pilersuisoq werden palettenweise Bierdosen abgeschleppt, die nur hinter dem Tresen stehen. Hunde bellen, jaulen. Drumherum Wahnsinns-Landschaft: Hohe Berge mit Gletschern; Spaziergang zum Aussichtspunkt, zwei junge Hunde begleiten uns; Blick auf den Atlantik und Fjord mit Eisbergen. Alles ist ‚irgendwie‘ farbiger, klarer.

Nachmittags kommt ANUK. Juchu! Wir werden zum Abendessen eingeladen, bekommen für die nächsten zehn Tage Gaskartuschen (im Pilersuisoq/Kulusuk gab’s keine) und weiteres Outdoor-Food. Können schon mal die ANUK streicheln 😊, unser Törn beginnt erst Ende August. Am nächsten Tag Crew-Wechsel auf der ANUK: Axel, Jens und Peter steigen aus, Uta, Lucia und Henri kommen an Bord. Gunter und ich können am Tag darauf bis Tasiilaq mitfahren, sind dann an Land unterwegs.

Tasiilag, die größte Siedlung in Ost-Grönland. Sehr hügelig, durch das Dorf geht’s rauf und runter. (müssen die hier fit sein!) Irgendwie sind hier alle busy. Das Versorgungsschiff – die Royal Artic – kommt alle paar Tage. Container werden verladen. Kommen und Gehen im Pilersuisoq. Viele Tourist*innen. Erstaunlich viele Autos, viel schweres Gerät (Bagger, etc.), sogar ein Taxi! Später beobachten wir, dass es im Minutentakt Leute mit ihren Einkäufen abholt.

Wir zelten im Basecamp vom Red House mit Blick auf den Fjord, neben dem Heli-Point. Viele Leute, die in Kulusuk ankommen (Gepäck vom Trecker runter zuppeln, zurück übers Rollfeld zum Helikopter), fliegen gleich weiter nach Tasiilaq. Flugdauer ca. 10min, mit dem Schiff halbe/dreiviertel Stunde, mit der ANUK drei Stunden. Mehrmals am Tag hören wir die Rotoren. Zwei Tage war Ruhe. Da war Nebel. Blöd für die Leute, die einen Flieger in Kulusuk kriegen wollen, wie unsere Zeltnachbarn (zwei Franzosen) und auch andere. Hektisches Hin- und Hergerenne- und gefahre. Das Boot will Bargeld, Geldautomaten gibt’s nur beim großen, weiter entfernten Pilersuisoq. Und die funktionieren öfter mal nicht. Internet weg -> kein Bargeld! Schlange vor den Automaten. Geht er wieder? Sie haben Glück. In Grönland musst du immer mit Luft planen. Das wurde ja schon mehrfach im Blog beschrieben.

Die ANUK legt in Tasiilaq einen Waschtag ein, fährt irgendwann weiter. Der Plan: die Insel Angmagssalik umrunden, den vorhergesagten Stark-Wind bei Tiniteqilâq abwettern. 9 Tagen später holen sie uns wieder ab, zurück nach Kulusuk für den nächsten Crew-Wechsel.

Gunter und ich machen uns auf die Suche nach dem Red House. Es liegt im oberen Teil vom Dorf. Robert Peroni, der Betreiber, ist gerade einkaufen, erfahren wir. Vier Wiener zurück von einer 14-Tages-Tour warten auch auf ihn für Abrechnung und Nachbesprechung. Eisbären? Sie hätten keine gesehen, auch keine Spuren, aber Gewehr hatten sie dabei. Einer behauptet, hier gäbe es keine! Er wäre schon ein paar Mal hier gewesen und hätte nie welche gesehen!… Hm! Später sagt Robert, im Umkreis von 3-4km um Tasiilaq seid ihr sicher. Bin trotzdem nervös. Wer weiß schon, ob sich Eisbären an Umkreise halten? Deshalb leihen wir uns ein Gewehr. Einweisung: „DER BÄR… greift nie von vorne an, es sei denn…ja, es denn, er ist wütend, krank oder sonst irgendwie komisch drauf.“… Hm!… „Auf gar keinen Fall mit Schrot auf den Bär zielen. Dann wird er sauer! Du musst mit dem In-die-Luft-Schießen warten, bis sich der Bär auf 10m genähert hat!“ Ach, du Scheiße: 10 Meter! Warum? „DER BÄR hört nicht so gut!“ Wir bekommen noch einen wasserdichten Sack dazu. Gibt’s nicht was mit Riemen? Ein Gewehr länger auf der Schulter zu tragen, sieht nur cool aus, ist aber sehr unbequem, sagt er lächelnd. Ja, die Touris… nur die rennen in Tasiilaq mit Gewehr rum. Und nur die Touris – vor allem die Neuangekommenen – laufen mit großen Augen rum und grüßen niemanden, allen voran die Gäste der Kreuzfahrtschiffe. Und davon gibt’s viele. Fast jeden Tag ankert ein anderes in der Bucht, bringt die Leute für ein paar Stunden an Land und fährt dann weiter. Einen Tag sehen wir ein komisches Kreuzfahrtschiff. Gunter nennt es ‚obszöne‘: Etwas kleiner als die anderen; spuckt schwarze Schlauchboote aus, die ums Schiff kreisen; eines auf der anderen Seite vom Fjord, wollen die angeln? Irgendwann fährt ein Schlauchboot mit mehrere Seekajaks im Schlepp an uns vorbei, ein paar Stunde später wieder zurück. Ein Hubschrauber startet von dem Schiff, dreht ein paar Runden. Kein Landgang. Irgendwann sehen wir eine Drohne und hören Schüsse, die wir dem ‚obszönen‘ Schiff zu ordnen. Wir vermuten, Oligarchen-Jacht.

Mit Gewehr im Gepäck machen wir uns in den Tagen in verschiedene Richtungen auf. Stellen immer wieder fest, unsere Ziele/Wegmarken sehen näher aus als sie tatsächlich sind. Sind oft länger unterwegs als angenommen, bewundern die Landschaft: viele Seen, überall Wasserläufe und Wasserfälle, Gletscherzungen in der Ferne.

Um Tasiilaq herum – wie um alle Dörfer – sind Hunde an Ketten. Auch in der Nähe von unserem Zelt liegen 10-15 an Ketten und ein ‚Freigänger’, hat sich scheinbar losgerissen, lässt sich nicht einfangen, bleibt trotzdem bei seinem Rudel, kam hin und wieder an unserem Zelt vorbei. Welpen haben es besser: können frei rumlaufen, sind zutraulich, lassen sich streicheln, knabbern an den Klamotten, laufen manchmal ein Stück mit. Wir haben uns oft in den einen oder anderen verguckt. Die toten Robben, die in Bündeln im Wasser lagern, sind für die Hunde. Wenn sie denken, es könnte gleich was geben, Gejaule und Gebell, aufgeregtes Gezerre an den Ketten. Die Hunde kommen im Winter zum Einsatz, als Schlittenhunde. Im Sommer liegen sie scheinbar nur rum, haben nichts zu tun.

Nachricht von Thomas: Er hängt krank in Reykjavik rum. Das Hotel in Tasiilaq kann er nicht stornieren. Wenn Gunter und ich wollen, können wir es nutzen. 15min Fußweg vom Zeltplatz liegt es am höchsten Punkt von Tasiilaq. In der Hotel-Lobby fühlen wir uns sofort fehl am Platz: Schicke Bar, Sessel mit Robbenfell überzogen, schöne Bilder an den Wänden, ein Souvenir-Shop. Alles sauber. Und wir ungewaschen mit unseren Dreckklamotten. Auf der Terrasse ein paar aufgedrehte US-Amerikaner*innen, gerade angekommen, bewundern die Aussicht. „Where are you from? You are here for trekking? Nice!“ Sie waren mit dem Heli angekommen, mit dem Auto abgeholt, samt Gepäck zum Hotel gefahren worden, vermutlich noch keine drei Schritte im Ort gemacht. Wir reden mit dem Manager. Nein, stornieren ist nicht möglich. Ist via booking.com ohne Rücktritt gebucht. „We have the work, they take the money!“ Aber ihr könnt das Zimmer nutzen. Cool: Zwei Nächte ohne Wärmflasche ins Bett und… warm duschen!

Am Tag als wir auf die ANUK wechseln, aufräumen, lüften, zusammenpacken und vor allen Dingen: Wäsche waschen! Gunter zieht los zum dörflichen Waschhaus. Hier regiert Sie: Die Hüterin des Waschhauses. (s. Exkurs: Die Hüterin des Waschhauses)

Ich gebe im Red House das Gewehr zurück. „Habt Ihr es gebraucht? Besser ist nicht!“ Begleiche unsere Camping-Rechnung. Im Red House scheint die Hauptsaison vorbei zu sein. Wenig los. Im Basecamp wurden schon Bierbänke und Küchenzelt eingepackt. Mit uns zeltet nur noch eine Gruppe, die vom Kajak fahren zurück kamen.

Nachmittags kommt die ANUK, liegt wieder vor Anker. Diesel tanken. Wir beziehen unsere Kojen und erzählen uns von den letzten Tagen. Plötzlich kommt ein Schiff vorbei: „I have something for you!“ Henri bekommt sein Gewehr geliefert. Früh am nächsten Morgen holt er seinen Hund ab: Dumbo, eine Hündin. Beide fahren mit bis nach Kuummiit, wo er mit seiner Wanderung starten will.

Gunter, Thomas und ich starten unsere Reise mit der ANUK.

Text: Carola

Exkurs: Die Hüterin des Waschhauses

Sie ist Mitte fünfzig, ca. 1m55 groß, etwas gedrungen.

Sie sitzt sie auf ihrem Bürostuhl, die Waden auf der Kante des Schreibtisches, die Füße hängen in der Luft. Sie häkelt, rechts von Ihr steht Ihre Kasse.

Sie ist die Hüterin über die Dusche, mehrere Waschmaschinen und Trockner.

Ich komme zum Duschen und Wäsche waschen.

Ganz selbstverständlich betrete ich das Waschhaus, ist doch ein öffentliches Gebäude, Sie schmeißt mich raus.

Sie wird deutlich: Sie wischt gerade den Boden und ich muss die Schuhe ausziehen, bevor ich eintreten darf.

„You next“ begrüßt sie mich dann und ich begreife, die ältere Frau auf dem Rollator vor dem Haus will duschen und ist vor mir dran.

Nachdem ich Anweisung erhalten habe, wo ich meine Schuhe hinstellen soll, darf ich auf Strümpfen das Haus betreten. Sie weist mir eine Waschmaschine zu, fragt, ob ich Waschpulver habe und holt, als ich verneine, Pulver. Sie fragt „Normal“, die Maschine zeigt 40 oder 60 Grad, ich zeige auf 40, Sie sagt nochmal „Normal“ und nickt.

Nun möchte ich eine rauchen und setze mich vor´s Waschhaus auf die Treppe. Sie schickt mich auf die andere Straßenseite. Schuhe anziehen, zu einem Stein laufen, rauchen. Wieder rüber zum Haus, Schuhe ausziehen, eintreten.

Jetzt entdecke ich das Schild: Kaffee 8 Kronen. Ich bin begeistert und bestelle einen. Als Ich sehe, wie Sie die Kaffeemaschine bedient versinke ich in Depressionen: Zwei Esslöffel Kaffeepulver auf eine ganze Kanne? Ich bin entsetzt. Dann ist der Kaffee durchgelaufen und ich bin glücklich: Zwei Esslöffel Pulver für zwei Tassen Kaffee.

Kaffee einschenken, Schuhe anziehen, zum Stein laufen, frischen, guten Kaffee trinken, noch eine rauchen. Zurück zum Haus, Schuhe ausziehen, in den Wartebereich setzen. Wieder sagt Sie: „You next“ und fängt an die ältere Frau in der Dusche zu drängeln. Mittlerweile habe ich das Schild entdeckt, dass die Duschzeit auf 15 Minuten beschränkt.

Nach dem Duschen hänge ich mein Handtuch über einen Stuhl zum trocknen und gehe noch eine rauchen. Als ich zurückkomme und die Schuhe ausziehen will wehrt Sie dies ab. Ich verstehe, der Boden ist getrocknet, der Schuhabstreifer an seinem Platz.

Das benutzte Handtuch hat Sie zwischenzeitlich zur Wäsche in den Trockner geworfen.

Zwischenzeitlich kommt ein Wagen der örtlichen Feuerwehr, Sie geht an das Seitenfenster, empfängt einen Beutel Dreckwäsche und wirft ihn in eine Maschine.

Die zweite Tasse Kaffee spendiert Sie mir.

Sie ruft mich zu sich, zu Ihrer Kasse, trägt mich als Nummer 2 des Tages ein und addiert: Duschen, Waschpulver, Wäschewaschen, dieselbe trocknen, einen Kaffee: 102 Kronen. Ich reiche Ihr 200 Kronen. Sie zeigt mir Münzen, um mich zu fragen, ob ich Kleingeld habe. Als ich verneine holt sie zwei Kronen aus ihrem Geldbeutel, die Kasse muss ja stimmen und reicht mir 100 Kronen wieder zurück. Ich bedanke mich, Sie fragt noch in gebrochenem Englisch, ob ich Kinder habe. Wir verabschieden wir uns herzlich voneinander.

Text: Gunter