Bullerbü und Schärengarten
Unser Crewwechsel findet diesmal mit dem Auto statt. Helga und ich übernachten noch einmal auf der Lina und starten früh. Nachdem wir Thomas und den alten Bulli in Kalmar eingesammelt und den einen (nämlich den Bulli) am Flugplatz Arlanda geparkt haben, schaffen wir es kurz nach Mitternacht bis Gävle und müde in die Kojen.
Zwei Tage in Gävle reichen dann auch, um die schönen Ecken der Stadt zu entdecken. Die wenigen kleinen Straßen mit alten Holzhäusern, die nicht den vielen Bränden zum Opfer gefallen sind, wirken zwischen den modernen Bauten tatsächlich wie ein „städtisches Bullerbü“.




Nach zwei Tagen Richtung Süden erreichen wir die Stockholmer Schären, den Skärgård. Wir lassen uns Zeit und genießen die ganz unterschiedlichen Buchten und Orte.
Captain Uli steht ein wenig unter Druck, nachdem sie die Ålands wegen der Wettervorhersage kurzerhand vom Törnprogramm gestrichen hat. Die Ziele der nächsten Tage müssen nun also mindestens genauso schön sein. Kleiner Vorteil: Die Mehrheit an Bord kennt die Ålands nicht genauer.
Da die schwedischen Schulferien erst am 10. August enden, ist es noch recht voll. Trotzdem finden wir immer ein Plätzchen, wenn auch fast nie ganz für uns allein. Dafür treffen wir Lore und Peter mit ihrer Orion, Jan-Peter und Karoline mit Moni 6 und lernen die Crew der Despina kennen. Gegenan zwischen den Inseln und in engen Fahrwassern zu segeln, klappt leider selten. Umso angenehmer ist es, dass wir nur kurze Strecken zurücklegen müssen.
Wir sind zu siebt an Bord – genug Crew also, um ANUK, wenn möglich, mit Heckanker und Bug an den Felsen festzumachen. Die Manöver klappen gut, auch wenn freies Ankern deutlich einfacher ist und die besten Felsenplätze meist schon belegt sind.
Am Ende ergibt sich eine offenbar gelungene Mischung aus Buchten und Bullerbü-Ortschaften wie Arholma, Ingmarsö, Gällnö, Kymendö, Huvudskär/Alandskär und Harstena.
Von Arholma, unserem ersten Stopp im Stockholmer Schärengarten (Skärgård), ist die Crew so begeistert, dass sie am liebsten länger geblieben wäre. Ingmarsö und Harstena punkten beide mit leckeren Kanelbullar aus den örtlichen Bäckereien – davon kann nicht nur Captain Uli kaum genug bekommen.
























Kymendö ist unsere zweite Schäre mit Festmachen am Fels – hier auch mit steilem Ausstieg auf die Insel. Außer dem kleinen Ort mit Laden und Café (Schild: „Affären“ – dem muss man folgen!) gibt es auf der Insel die Schreibstube von August Strindberg, der hier eine Hütte hatte. Nachdem er sein Buch geschrieben und veröffentlicht hatte, war er nicht mehr erwünscht – er hat wohl ein paar Dinge zu realitätsnah beschrieben …







Einen schönen Kontrast dazu bildet die „Bullerbü“-Außenschäre Huvudskär, die wir trotz Wind gemeinsam mit Moni 6 besuchen.
Das Ankermanöver dort zieht sich gefühlt über Stunden hin – in Echtzeit immerhin eine ganze Stunde – und setzt der Crew ordentlich zu.
ANUK liegt vor Anker, Moni 6 fährt Kreise, und Helga und Matthias machen sich mit Leinen im Dinghy auf den Weg ans Ufer. Dort sollen sie die Vorleinen für ANUK und Moni 6 vorbereiten. Das Anlanden fällt den beiden schwer: Die Felsen sind blank, und der leichte Schwell hat sie nass und rutschig gemacht. Von Bord aus können wir die ausführlichen Diskussionen der beiden über das weitere Vorgehen vor jedem Schritt sehr gut – und zunehmend ungeduldig – verfolgen.
Leider halten unsere Heckanker am Ende nicht, sodass ANUK schließlich frei am Hauptanker liegt; Moni 6 kommt längsseits. Immerhin lässt der Wind nach, und die Insel kann mit dem Dinghy erkundet werden. Die Hauptinsel Huvudskär ist inzwischen nicht mehr ganzjährig bewohnt. Es gibt eine Jugendherberge, ein kleines Museum, kein fließendes Wasser und Trockentoiletten. Früher lebten hier über 100 Menschen; es gab eine Schule und ein Postamt. Ihr Auskommen fanden die Bewohner mit Fischfang, in der Lotsenstation oder als Zöllner.
Das kleine Museum gibt einen Einblick in die Geschichte der Insel:
1450 werden die Fischereibestimmungen auf Huvudskär niedergeschrieben, die später für alle königlichen Fischerdörfer des Skärgårds gelten. Nachdem russische Truppen 1719 alle Häuser und die Kapelle niedergebrannt haben, wird das meiste wieder aufgebaut. 1832 entsteht ein Lotsenausguck-Haus. Weiß gestrichen ist es von See aus gut sichtbar und dient als Seezeichen. 1880 wird Huvudskär schließlich ein eigener Lotsenstandort. Zwei Jahre später wird der erste Leuchtturm fertiggestellt; zwei Leuchtturmwärter nehmen ihren Dienst auf und wohnen mit ihren Familien im Leuchtturmwärterhaus. 1884 sind laut Melderegister 39 Personen verzeichnet, es gibt 20 Schulkinder. Zunächst startet eine provisorische Schule, die zehn Jahre später auch ein eigenes Schulhaus bekommt.
1885 arbeiten 116 Lotsen am Standort. Das 1887 fertiggestellte Zollhaus dient heute als Jugendherberge. 1899 eröffnet die Poststation, die 1916 wieder schließt. 1912 sind nur noch 59 Lotsen hier beschäftigt; ab 1925 wird die Zollstation nicht mehr besetzt, und 1930 schließt die Schule. Die erste Landgangscrew berichtet, dass sich am Vortag die Eigentümer der alten Häuser getroffen haben – gut 30 Familien.
Ich bin immer wieder erstaunt, wie viele Familien auf so kleinen, abgeschiedenen Flecken gelebt und ihr Auskommen gefunden haben. Welch ein Aufwand muss es gewesen sein, Baumaterial, Heizmaterial und Lebensmittel auf die Insel zu bringen. Die oben genannten Zahlen machen das eindrücklich deutlich.















Schweren Herzens verabschieden wir uns mit einem langen Schlag Richtung Västervik vom Stockholmer Skärgård.
Nächstes Ziel wird Harstena: wieder das reinste Bullerbü, mit Museum mit alten Kleidungsstücken, Schlitten, einer alten Küche und Lebensmitteln, einem alten Boot in der Trankocherei und großen Bottichen. In einem alten Schwarzweiß-Film wird das altertümliche Leben der Robbenjagd auch gezeigt, in einem alten Schulraum für ca. 30 Kinder, in dem Graham sich mit der Lehrerin anfreundet – leider nur einer Puppe. Währenddessen sorgt Ecki dafür, dass wir keine Kanelrulla mehr bekommen– die Bäckerei ist komplett ausverkauft, als wir nach dem Museum dorthin ankommen. Sie wurden aber an Bord gesichert …















Wir ankern noch einmal vor Västervik und laufen am Morgen dort ein, bevor mittags die Wechselcrew anreist.
Was gibt es sonst noch aus unserem Bordleben zu berichten? Dieses Jahr wurde wenig gesucht, die Medikamenteneinnahme funktionierte überwiegend ohne Erinnerungen, und dank Graham mussten alle am Englischkurs teilnehmen. Unser Lehrer Graham hat das geduldig ertragen – und überlebt. Sogar Sprüche und reichlich Scherze haben funktioniert.
Alle waren Frühaufsteher – einige aber nur notgedrungen: Um 06:00 Uhr sprangen sie kurz nach mir aus den Kojen – etwas ungewohnt für Uli. Sogar Thomas stand vor 7 Uhr freiwillig auf und ging schwimmen, um dem Aufwach-Effekt des wunderbaren Kaffees nachzuhelfen. Graham staunte jeden Morgen aufs Neue, dass er eine Stunde lang eine Kanne Kaffee nach der anderen produzieren durfte. Aber auch unser English-Man trank mehr Kaffee als Tee.
Die Verletzungen blieben überschaubar: blaue Flecke, geprellte Rippen und nur ein entzündeter Insektenstich zum Abschluss der Etappe. Naja, und das übliche für Menschen, die eine normale Stehhöhe haben: immer wieder unerwartetes Rumsen an die Decke, den Türrahmen, den Niedergang – aber das kennen wir ja schon. Mücken gab es erstaunlich wenige, wenn überhaupt nur abends zum Sonnenuntergang.
Es war die ganze Zeit warm und überwiegend sonnig: tagsüber über 20 °C, Wassertemperatur 18 bis 19 °C – herrlich.
Jetzt sitze ich hier, die Crew der Etappe 7 kriecht langsam aus den Kojen – wir wollen um 08:00 Uhr los –, und ich tippe verspätet diesen Blogbeitrag.
Leider habe ich den Fehler gemacht, die letzte Crew ohne fertigen Blogbeitrag abreisen zu lassen. Der Bitte, noch etwas nachzuliefern, ist außer Graham und Thomas leider niemand nachgekommen.
Text: Thomas, Uli

