Orth — Stockholm

Skipperin: Astrid

Crew: Jo, Johannes, Christian, Bernd, Betty

Nach zahlreichen Arbeitseinsätzen, komplexen Crewplanungen, langen To-Do- und Einkaufslisten entschied sich Nanni noch kurz vor Törnstart für eine neue Dämpferplatte. Eine Recherche ergab, dass es auf konventionellem Weg bis zu zwei Wochen dauern kann, bis das Teil eintreffen würde. Mit Hilfe von einer Freundin von Mike, die spontan mit einer Dämpferplatte von London nach Amsterdam reiste und Mike, der das wertvolle Stück dort in Empfang nahm, wurde das Transportproblem gelöst. Wenige Stunden später begannen dann Uli, Christian und Jo den zerlegten Motor wieder zusammenzubauen, samt nagelneuer Dämpferplatte. Kopfüber im Motorraum, in einigermaßen akrobatischer Haltung wurde gebastelt, bis dann am Abend endlich wieder der satte Klang des alten Nanni erschallte. Währenddessen kümmerten sich die anderen Crewmitglieder um den restlichen Einkauf, bunkerten Diesel und Trinkwasser. Das entspannte Abendessen im Garten des Cafés die Villa nutzen wir für Wacheinteilung und Absprachen für den kommenden Tag.

Sonntag, gegen 8.45 Uhr legte die ANUK in Orth ab. Mike und Uli begleiteten uns noch ein Stück auf der Tai Chi. Nach kurzem Bangen, ob der Mast auch wirklich nicht an den neuen Gerüsten der Fehmarnsundbrücke hängen bleiben würde, segelten wir unter Genua und Groß bei 3-4 Bft. auf die offene Ostsee. Wind und Wetter waren uns hold. Zur Sicherheit wurde noch mit Rasmus ein Schluck Rum geteilt. Und bisher hat uns Rasmus nicht im Stich gelassen.

Die Vorhersage-Modelle waren sich zwar alle nicht einig, aber für die Überfahrt hatten wir gütigen West bis Nordwest, in schwankender Stärke. Beste Bedingungen, um gleich ein paar Manöver zu üben, wie z.B. Ein -und Ausreffen. Diejenigen, die schon öfter auf der ANUK waren, kramten in ihrer Erinnerung, andere teilten ihre reiche Erfahrung und gemeinsam kamen wir nach kurzem Üben mit Astrids Hinweisen zu einem ganz ansehnlichen Ergebnis.

In den folgenden Stunden hatten wir Zeit uns kennenzulernen. Denn obwohl unsere Wacheinteilung immer zwei an Deck und für den Rest Freiwache bzw. Standby vorsahen, saßen wir erstaunlich oft zusammen in der Plicht und plauderten. Schnell waren dann auch die jeweils vierstündigen Wachen um.

Die erwähnte Uneinigkeit der Wettermodelle führte dann auch zu regelmäßigen Trimm- und Segelmanövern. Wir fanden u.a. heraus, dass die Kombination 50% Genua und Fock mit zweifach gerefften Groß eine sehr stabile Kombi ist, um bei 15-20 kn am Wind zu segeln. Bei Böen von 30 kn funktioniert das Ganze mit 25% Genua genauso gut. Neben ein paar kurzen Flautenlöchern erfreuten wir uns an kräftigem West bis Nordwest, der uns mit bis zu 8 kn Fahrt über die Ostsee blies. Die kurzen steilen Wellen machten einigen von uns etwas zu schaffen, aber so richtig seekrank wurde zum Glück niemand. Nur der Schlaf war etwas getrübt durch das unregelmäßige Aufstampfen der ANUK. Anekdoten aus der Kotzfibel trieben uns später die Lachtränen in die Augen.

Mittwoch gegen 15 Uhr erreichten wir den Ankerplatz an der Insel Huvudholmen südöstlich von Stockholm. Auch wenn der Nordwind mitunter kalt hier in die Bucht bläst, haben wir entschieden, hier zu bleiben. Nach einem Bad am Heck nebst warmer Open Air Dusche machte sich die Crew an verschiedene kleine Aufgaben: diverse kleine Reparaturen, kochen, Stauliste vervollständigen. Es wartet ein sonniger Abend und vor allem eine hoffentlich durchschlafene Nacht auf uns.

Durch die Schären nähern wir uns Stockholm. Immer dichter mit immer urbaneren Häusern sind die Ufer besiedelt. Der Schiffsverkehr nimmt zu. Sollen wir nicht besser den Hafen anfunken? Was, wenn wir keinen Platz kriegen? Nachdem wir uns längsseits an die Pier des Wasa-Hafens legen, gibt uns die sehr entspannte Hafenmeisterin die Antwort: sucht Euch einen Platz aus!

Ganz in Ruhe besprechen wir das Ablegemanöver, diskutieren verschiedene Möglichkeiten, bei leicht auflandigem Wind von der Pier wegzukommen: geschickt eine drehende Bö nutzen? Vom Steg den Bug durch den Wind drücken? Oder doch lieber eindampfen in die Achterspring? Auch hier hat Rasmus ein gütiges Auge auf uns: im richtigen Moment dreht der Wind. Nun muss in eine Box mit starkem Seitenwind angelegt werden. Auch das haben wir vor dem Ablegen ausführlich erörtert, schließlich haben wir keinen Zeitdruck. Und entsprechend klappt es dann auch ganz geschmeidig. Christian am Steuer ist zufrieden.

Stockholm empfängt uns mit Sonne, milden Temperaturen und vielen aufgekratzten Menschen. Es ist Ende Mai, der Sommer in Sicht. Alle scheinen den langen dunklen Winter abzuschütteln mit Musik, glitzernden Kleidern, Drinks und Gelächter. Am Liegeplatz saugen wir die Atmosphäre auf, bevor wir uns wieder ans Arbeiten machen. Die gute ANUK hat noch ein paar Wünsche, bevor sie unter Skipper Jo weitersegeln will. Also wird an der Genua geflickt, die Hydraulik entlüftet, der Motor nochmals gecheckt und dabei ein Riesenstapel Bedienungsanleitungen durchforstet.

Bei Rotwein in der Abendsonne beobachten wir eine elegante Holzyacht nach der anderen: es ist Bootsveteranentreff. Also werden historische Schönheiten von nah und fern in den Wasa-Hafen geschippert, unter Segeln oder Motor. Manche glänzend von herrlich gepflegtem Holz, manche schon etwas mehr von Erfahrung gezeichnet – aber jede ein Schmuckstück.

Wir nutzen das Beisammensein in der Plicht auch zum Austausch. Ein schönes Ritual: reih um erzählen wir uns, wie der erste Eindruck voneinander war und wie der sich im Laufe der Woche verändert hat. Natürlich schweifen wir immer wieder in vergnügliche Anekdoten ab. Am Ende sind wir uns einig: wir haben uns gut miteinander eingeruckelt, Schwierigkeiten gemeistert, voneinander gelernt und vor allem: viel miteinander gelacht.

Text: Betty