Und das auch gleich auf der ANUK, 16 Tonnen Stahl, 14 Meter lang und ich keine Ahnung von nix, nicht mal, ob ich überhaupt seefest bin. Doch strahlende Sonne und eine entspannte Zugfahrt gibt Grund zur Vorfreude. Und als mir dann im Hafenbecken ein DELFIN! – ach nein, es ist ein Schweinswal und niedlich klein – zuzwinkert, ist alles geritzt. Denn auch die Crew aus Heidi, Martina, Dieter plus Astrid läuft wie ein geschmierter Motor. Zunächst aber gibt’s Abendessen mit Synke und Jörg und ich merke schon jetzt: Seeluft und Schiffschaukeln macht müde. So winke ich noch kurz der vorbeifahrenden STENA LINE, mit der ich sonst nach Schweden fahre und gehe ins Bett. Nur das Draußenschlafen im Cockpit scheitert: Die Männer des Nachbarboots reden-trinken-lachen-trinken mit den Füßen im Wasser planschend, fünf Meter neben mir. Ich kletter‘ zu Astrid in die Koje.

Sprachkurs

Nach dem Frühstück am Freitag bin ich schwer beeindruckt, wie die Kapitänin das lange Schiff elegant aus dem Hafen bugsiert, man sollte einen Preis ausloben fürs Ausparken unter erschwerten Bedingungen (enger Hafen und Crewmitglied, das irgendwie immer im Weg steht, denn das bin ich).

Wir setzen die Segel und ich lerne viele neue Wörter, von denen ich mir nur die Hälfe merken kann. Opferanoden, das wird eines sein, mit dem ich auf Partys seemannsgarnmäßig angeben kann („ …beim Baden in der 14 Grad kalten Ostsee in der Opferanode verheddert, tja, das gehört dazu“). Beim Segelreffen lern ich was über Zeisinge, Genua, und auf Slip und sehe, dass der einzige von mir beherrschte Knoten, der Palstek, hier eingesetzt wird, hurra!

Auf Kurs

Es geht nach Boltenhagen, leider mit wenig Sonne, sondern dunklen Wolken, aber viel guter Laune. Fünf Knoten unterm Bug und so viele Anzeigen überall, wie tief, wie weit, ein Licht hier, eins das und Bremen Rescue immer auf Sendung. Wer steuert, wird verwöhnt – mit Kaffee, Tee, sogar Lakritzschokolade. Ich sitz ganz vorn auf dem Schiff. Das ist toll, aber ich muss tatsächlich schon wieder in die Koje für ein Nickerchen und dann gibt’s Essen und ich wunder mich ein bisschen, wie viel Hunger man doch haben kann vom Nichtstun.

Auf Deck, in den Niedergang, wieder auf Deck, mal was lesen, mal was stricken, der Motor muss an, weil der Wind nicht mehr will, so vergeht der Tag. Dann kommt Boltenhagens Seebrücke in Sicht und wir drehen uns ein bisschen um uns selbst zum Ankern. Als das Ding dann sitzt, krieg ich Hummeln im Hintern und bin bereit für ein Eis und ein Klo an Land und wir lassen das Dinghy runter. Alle Frauen an Bord und ich darf rudern, was für ein Spaß. Zuschauer gibt’s auch, sie beobachten aufmerksam unser Anlandemanöver im Untergeschoß der Brücke. Boltenhagen ist etwas verschlafen und Eis finden wir nicht, dafür wird’s dunkel am Himmel und Astrid warnt vor Regen. Wieder an Bord haben wir ein tolles Wolkenspektakel und einen schönen Sonnenuntergang, gekrönt vom lecker Essen und einer Runde Räuberrommé, bevor alle Räuber*innen ins Bett wanken.

In den Heimathafen

Zwanzig Grad hat die Ostsee – also quasi Badewannentemperatur für Nixe Heidi! Ich muss vor lauter Begeisterung gleich zweimal, liegt aber auch daran, dass das Bad jeweils nur wenige Sekunden dauert. Nach dem Frühstück wird das Vorsegel gesetzt. Gleichmäßig und mit wechselnden Steuerern geht es Richtung Fehmarn. Nach fünf Stunden kommt die große Brücke in Sicht und Astrid erklärt die Masthöhe, rechnet vor, dass das passt und ich hab‘ keinen Moment Sorge, als sie dann direkt über uns ist und wir darunter durchgleiten wie ein Fisch im Wasser. Unser blinder Passagier, eine beringte und neugierige Taube, macht sich nun auch davon, bestimmt eine Stunde war sie an Bord. Sie schien ganz dankbar für den Lift, denn zu Beginn sah sie laut Astrid ganz schön fertig aus. Jetzt ist der Seegang höher, ich find’s richtig super, wenn es hochspritzt, muss mich vom Vordeck aber doch auf den begehrten Rauchersitz nach hinten verziehen, um nicht nass zu werden. Und wie schräg das Schiff Ding liegt, merke ich beim Mittagessen warmmachen. Habe ich je in einer solchen Position in der Küche gestanden, immer mit einer Hand an irgendwas und 40 Grad Neigung zum Topf? Ob man das nach längerer Zeit auf See auch zuhause so macht?

Um vier laufen wir in Orth ein und brauchen dann doch eine Stunde zum Anleinen. Gar nicht einfach, der Wind drückt den Bug weg, wir ziehen wie blöd an den Seilen, vielleicht auch an den falschen, es bewegt sich nur zentimeterhaft. Das geht sicher alles auch eleganter und schneller, aber das müssten wir noch ziemlich üben. Dann die Belohnung: Currywust, Pommes, Fischbrötchen am Imbiss, eine Führung durch Orth mit Astrid und die Erkenntnis, dass Jimi Hendrix auf Fehmarn sein letztes Konzert gab. Highlight zum Schluss: Die Besichtigung des Toilettenhäuschens. Hier darf man das Klopapier in die Schüssel tun, kaum zu glauben. Und es wankt rein gar nichts. Wahnsinn! Abends gibt’s dann noch Plauderbesuch vom Nachbarboot und die Pläne für morgen: putzen, waschen, duschen. Was für wunderschöne Tage mit der weltbesten Besatzung. Danke Astrid, Dieter, Heidi und Martina!

PS: Ich war überhaupt nicht seekrank, wie toll ist das denn.

Text: Carmen Vallero