E4: Örnsköldsvik – Lulea
Skipper: Christian
Crew: Michael und Konrad

Die Crew der E4 bestand aus drei Freiburgern, aus dem tiefsten Süden Deutschlands. Leider konnten wir für diese Etappe keine weiteren Mitglieder gewinnen, ob wegen Krankheit, Urlaubssperre oder anderweitigen Verpflichtungen, blieben wir zu dritt.
Christian als Skipper, Konrad (Papa des Skippers) und Michael, ein Freund seit der Grundschule.
Die Titelfrage wurde uns so oft, im immer gleichen Wortlaut, gestellt, wir beantworten diese gerne am Ende.

Am Sonntag, den 28.06., fanden wir die Anuk sehr gut vertäut im Hafen von Örnsköldsvik. Die Crew, zum ersten Mal auf der Anuk, erfreute sich an dem üppigen Platzangebot und den
„Einzelkabinen“. Aufgrund von Gewittervorhersage und gleichzeitig fehlendem Wind, verbrachten wir den Montag noch mit Stadterkundung und einkaufen, sowie der Creweinweisung. Das vorhergesagte Gewitter entpuppte sich dann als „hohe Luftfeuchtigkeit“ und zweimal rumpeln am Abend.
Dienstag früh ging es dann endlich los Richtung Küste. In einer Bucht bei Längholmen warfen wir den Anker. Hier konnten wir uns bereits auf die langen, bunten Sonnenuntergänge einstimmen, welche uns die ganze Reise begleiten sollten. Da die Wetterdienste nur sehr wenig Wind für die nächsten Tage vorhersagten, entschieden wir die Überfahrt nach Vasa nicht anzutreten und stattdessen an der schwedischen Küste gen Norden zu fahren.

Im nördlichen Hafen von Norrbyskär machten wir fest und erkundeten die Insel. Hier stand bereits ab 1750 ein Sägewerk. 1890 wurde dieses von F. Kempe übernommen, er vergrößerte das Sägewerk und erweiterte es um Kraftwerke und Wohnanlagen, welche die komplette Insel vereinnahmten und deren Überreste noch heute zu sehen sind. Die Wohnanlagen sind heute Ferienhäuser und eines der alten Kohlekraftwerke wurde zu einem kleinen Museum umgebaut.

Auf dem Weg nach Ratan machten wir noch einen kurzen Zwischenstopp in Holmsund um unsere Vorräte aufzustocken, da wir für längere Zeit keine küstennahen Einkaufsmöglichkeiten ausfindig machen konnten. So mussten wir nur 1,4 km zum nächsten Coop marschieren. Der Hafen an sich war funktional und gut ausgestattet, das angrenzende Industriegebiet und die Bundesstraße waren dem Charme des Hafens aber nicht zuträglich.

Die Fahrt von Holmsund nach Ratan gestaltete sich als herrlicher Segeltag, wenn auch gegen den Wind. Mit einer kleinen Crew wurde der Tag, auf der Kreuz, zu einem ordentlichen Workout. Abends erreichten wir den wunderschön (einer der Schönsten) gelegenen Naturhafen von Ratan. Der Ort selbst zählt keine 100 Einwohner. Ca. 10 Yachten finden Platz am Pier des Hafens, wenn der Tankstellenbereich mitgenutzt wird.
Mit dem Dingi setzten wir auf Rataskär, die vorgelagerte Insel, über. Ein Rundweg führte uns an den Überresten der alten Zollstation (Keller von 1770) , Steinkreisen und dem Leuchtturm vorbei. Den Abend verbrachten wir gemeinsam mit der Crew der SY Baluu, welche auf dem Weg Richtung Süden waren. Im Gespräch über unser Ziel Törehamn und den Wetterbericht, empfahlen sie uns, direkt loszufahren und nicht den Wind am übernächsten Tag abzuwarten, da die Wettervorhersagen auch aus der Glaskugel stammen könnten. Die nächste Etappe sollte also ein großer Schlag inkl. Nachtfahrt nach Törehamn werden.
Wenig Wind zum Start, auffrischend in der Nacht auf 13kt, drehend auf Ost, ließ auf einen angenehmen Abschnitt schließen, bei dem auch eine Nachtfahrt zu dritt gut möglich sein sollte.

Der Montag begrüßte uns um 01:00 noch mit einem schönen Sonnenaufgang bei gemütlichen 8-10kt Wind. Während er gegen 03:00h für 30min einschlief, frischte er danach merklich auf. Als der Skipper gerade 15min Schlaf hatte, wurde er nach oben gerufen. Es lagen 17kt Wind, steigend, an. Wir nahmen die Genua teilweise weg, holten sie kurz darauf ganz ein, als die ersten Böen >20kt eintrafen. Bei 18kt+ Wind und Böen bis 23kt wurde gegen 06:00h entschieden Richtung Lulea abzudrehen. Fehlende Wetterinformationen und die kleine Crew machten dies leider nötig. In der Bucht von Sandön vor Lulea ließen wir den Anker fallen und holten die verpasste Nachtruhe nach.
Nach langem Abwägen entschieden wir uns, den Weg Richtung Törehamn und der gelben Posttonne am nächsten Tag, bei wenig Wind und mit der Aussicht auf viel motoren, anzutreten.
Nach einer entspannten und ruhigen (abgesehen von der Maschine) Überfahrt nach Töre, rundeten wir gegen 16:30 die gelbe Posttonne in Törehamn 65°54.080‘N;022°39.087‘E. Glücklich und etwas wehleidig legten wir am Pier an. Glücklich unser, nördlichstes, Ziel erreicht zu haben – wehleidig, da ab hier nun jeder Kurs wieder Richtung Heimat zeigte. Kurzer Pulsanstieg wurde bei dem Skipper registriert, als das Echolot beim Anlegemanöver deutlich unter 2m fiel… Dank teils aufgeholtem Schwert und Jo’s üppig eingstellter Reserve auf dem Lot, bestand aber keine Gefahr einer Grundberührung.

Im Bistro des Campingplatzes gönnten wir uns ein Abendessen und erhielten unser Zertifikat für die Rundung der Tonne. Den Abend verbrachten wir mit der Crew der SY Raija bei gekühlten Getränken. Die erste Bemerkung, an Bord der Anuk lässt uns heute noch schmunzeln: „Erstaunlich wenig Katzenstreu hier…“, sie hatten zwei Katzen auf Ihrem Boot dabei. Törehamn bezauberte uns noch einmal mit einem herrlichen Sonnenuntergang im spiegelnden Wasser.

Für die Rückreise nach Lulea freuten wir uns auf angesagte 13kt raumen Windes.
Wir verließen Törehamn mit gesetzter Genua und ließen uns flott Richtung Süden schieben. Die Vorhersage, zeigte uns dann wieder, wie genau sie hier oben ist – gar nicht. Wieder gab es 18kt, Böen bis 24kt. Gerade zwischen den Inseln gab es ordentliche Düseneffekte. Auch bekamen wir zum Abschluss unseren ersten Regentag und schlechte Sicht. Kurz vor der Einfahrt in das Fahrwasser Richtung Lulea beruhigte sich die Wetterlage wieder und wir konnten trocken im Hafen festmachen. Das letzte Mal die Fender ausbringen, festmachen, die Maschine stoppen.

Die letzten Tage in Lulea verbrachten wir mit einem Ausflug nach Gammelstad / Church Town und genossen das gerade stattfindende Stadtfest „Under Solen“ mit Livemusik und Tanz auf den Straßen der Innenstadt.

Um die Titelfrage nun zu beantworten: Auch wir im Süden haben (kleine) Wasserflächen (Rhein, Schluchsee oder auch den Bodensee) welche reichen sich mit Fernweh und dem Seglervirus zu infizieren.
Der Wunsch nach mehr Meer ist wohl umso größer, je weiter es von der eigenen Haustüre entfernt liegt.

Michael:
Ich habe nur wenig Segelerfahrung und habe natürlich sofort zugesagt als Chris mich gefragt hatte. Wenn man zu dritt unterwegs ist, ist das Platzangebot echt verschwenderisch. Der Aufwand bei Manövern ist dafür umso größer. Trotz unseren „Workouts“ bei Manövern oder im Hafen hatte ich eine unglaubliche gute Zeit. Die Atmosphäre, die Natur, die kitschigen Sonnenuntergänge, die Wolken undundund waren einfach unvergesslich und haben mir einen bleibenden Eindruck hinterlassen.

Christian:
Ich selbst war nun schon einige Male mit an Bord der Anuk, sowohl zum Segeln als auch zum Basteln. Es war für mich das erste Mal als Skipper im Salzwasser überhaupt, und ich danke Astrid und Uli für die Möglichkeit und das entgegengebrachte Vertrauen von Herzen.

Konrad:
Vater und Sohn zum 1. Mal auf großer Fahrt.

Segeln gehört in unserer Familie seit über 40 Jahren zum Leben. Viele Jahre war ich auf Jollen und Yachten unterwegs. In diesem Jahr habe ich meine kleine Hanse aus Alters- und Gesundheitsgründen verkauft. Ursprünglich sollte Christian das Boot übernehmen, doch seine Pläne gehen weit über die heimischen Gewässer hinaus – sein Traum ist das weltweite Segeln.

Für mich als Vater erscheint das wie ein großer Schritt. Nach unserem ersten gemeinsamen Törn kann ich jedoch mit voller Überzeugung sagen, dass ich ihn mir als Kapitän bestens vorstellen kann und traue es ihm zu. Sein seglerisches Können, sein Organisationstalent und seine Umsicht haben mich beeindruckt. Er hat meinen Segen – und ich beneide ihn ein wenig um die Möglichkeiten, die noch vor ihm liegen. Er sollte seinen Traum verwirklichen, solange er jung ist.

Viele Jahre mit der DHH-Kameradschaft Freiburg sowie zahlreiche Törns – von der Ostsee bis ins Mittelmeer – und die erworbenen Segelscheine, einschließlich des BK, haben mir die notwendige Erfahrung vermittelt. Deshalb fiel mir der Abschied vom aktiven Segeln besonders schwer.

Als Christian mich fragte, ob ich ihn auf einem Ostseetörn begleiten würde, war ich sofort begeistert. Mit 80 Jahren einmal mit meinem Sohn auf einer 47-Fuß-Yacht unterwegs zu sein, war etwas ganz Besonderes. Früher hatte ich selbst den Plan, die Ostsee links herum zu umrunden. Wegen Corona und gesundheitlicher Einschränkungen ließ sich dieser Plan nicht mehr umsetzen.

Nun gemeinsam mit Christian auf einer vertrauenserweckenden, sicheren und hervorragend ausgerüsteten Yacht unterwegs zu sein, begeisterte mich. Ich konnte gar nicht Nein sagen – zumal ich mich von seinen Fähigkeiten überzeugen wollte. Vertrauen und Stolz wuchsen.

Natürlich wünsche ich ihm nur das Allerbeste, und allzeit gute Fahrt bei der Verwirklichung seiner Ziele, verbunden mit einer guten Heimkehr.
Papa