Männer in den besten (??) Jahren suchen Harmonie und Abenteuer auf seglerischem Weg von Stockholm nach Hudiksvall

Gruß von der E2 Tour: wir sind unterwegs!

Letzter Einkauf beim ICA in Stockholm, der ICA, der so eng ist (siehe Web Bewertungen), dass wir glauben mit unseren vollen Körben in den Gängen stecken zu bleiben. Käse, Käse und frische Sachen stehen auf der Liste, ein-zwei Brote vielleicht, Frischmilch, schon ist der Einkauf beendet. Das eine Brot überlebt nicht einmal den Weg in seinen angestammten Lagerort, was die Brotsituation erneut verschärft. Mirko kündigt somit jetzt bereits das allseits befürwortete Brotbacken an.

Die Kabinensituation ist zu klären, wer schnarcht wie, wer raucht und wenn ja wieviel, wer muss viel Pippi: wir lernen dazu, was die ANUK ausmacht. Es gibt 83 Staufächer auf der ANUK, sie teilen sich in Dinge, die wir suchen, und Dinge, die wir hoffentlich nicht benötigen. Werkzeug benötigen wir natürlich sofort, Ersatzteile bewundern wir ehrfurchtsvoll in Menge und Ausführung.

Wir wollen segeln, einheitlich stürmt die Crew zum ersten Segelmanöver an den Mast, Reffs ‚raus und hoch mit den Segeln. Das klappt nur sehr mäßig, der Skipper erkennt die Vorzüge, Schwächen und Erfahrung der Crew. Lessons learned, es darf losgehen.

Es gibt viel zu sehen auf der Fahrt nach Gällnö, wie gerne wären wir doch Schweden mit gefülltem Konto und einem Häuschen samt Boot in den Schären. Doch was ist eigentlich im Winter? Träumen kann jeder, der Wind schiebt uns derweil Richtung Waxholm.

Waxhom wird ’ne enge Sache, Fähren über Fähren und ein Veteransegler (dt. Traditionssegler) vom Treffen derselben im Wasahamn, der mit seinem Wrack Sponsoren gesucht hatte. Wir kommen uns sehr nah, der ANUK-Skipper wird nervös, die Tonnen kaum zu halten, Kapitän Veterani lächelt freundlich und beschleunigt mit Motor, der mächtig qualmt, uns beschleunigt der Wind. Ein Kopf-an-Kopf-Rennen also. Bremsen ist für uns keine Alternative unter Segeln und böigem Wind. An der letzten Enge stoppt ein anderes schwedisches Motorboot, dort waltet schwedische Besonnenheit, unser roter Kamikaze-Veterani rundet vor uns, dann folgen wir, danach lässt der Wind den traurigen Träumer achteraus verschwinden.

Gällnö teilen wir mit einer weiteren schwedischen Yacht und einem Motorboot. Noch keine Saison, wir verdrücken Mengen von Gnocchis und Tortellinis mit einer formidablen Gorgonzola-Sauce vom Skipper. Doch unser Koch ist natürlich Mirko, der bereits am ersten Tag einen Kartoffel-Käse-Auflauf erschaffen hat, der dem Salon ein eigenes Flair verpasst hatte. Der Skipper war zunächst im Cockpit verwundert über den Geruch, der über der ANUK lag. Doch die Lösung lag später auf unserem Gaumen und vermittelte uns, was aus wenigen Zutaten mit versierter Hand geschaffen werden kann. 10 Points an dieser Stelle, doch Restaurant-fähig schien unser Gericht nicht zu sein.

Gällnö war für Günter eine schwere Enttäuschung, da er nicht angeln durfte. Die Fische sprangen und ohne Ausrüstung schien der Urlaub nun in trister Schwermut zu versinken. Niemand verspürte den Wunsch das Festland zu betreten, die Kneipe war laut Google nur am Samstag und Sonntag zwischen 12:00 und 16:00 Uhr geöffnet, kein Burner im Sinne von „hier tanzt ein Bär“, das musste irgendwas mit der Saison zu tun haben.

Die Crew will segeln und ankern, der Skipper sucht also entsprechende Orte aus seinem Erfahrungsschatz und den Guides, aus Navily und einem Vortrag vom TO-Leiter Stockholm aus. Der nächste Tag führt uns somit nach Björkskär. In Björkskär liegen wir mit Heckleinen und 45 Meter Kette im klaren grünen Wasser des äußeren Stockholmer Schärengürtels. In zwei kleinen Etappen von rund 22 sm sind wir dem Stockholmer Rummel nun entflohen. Dass die 45 Meter Kette keine gute Idee war, lernen wir, als diese am nächsten Morgen, da schlammverklebt, mühsam mit der Pütz gereinigt werden muss. (Nachtrag: es gibt eine Deckswaschpumpe, die mit kleinem Aufwand in Betrieb genommen werden kann)

Die Nächte an Bord enden regelmäßig gegen 04:30. Längst ist die Sonne am Himmel erschienen, alle Bretter sind gesägt und ein kleiner Teil der Crew hat somit kaum oder wenig geschlafen. Für Günter haben wir nun auch das Leesegel gefunden und seine „Absturzangst“ wird sich hoffentlich in weiteren therapeutischen Gesprächen bändigen lassen. Ja, die Kabinensituation erfordert Toleranz und am besten ein intensives eigenes Schnarchen. Wer selbst schnarcht, schläft schneller ein, sagt ja auch der Volksmund. Eine erste Konvertierung in die Glaubensgemeinschaft der Schnarcher erfolgte bereit. Das Verhältnis 3:2 ist nun auf 4:1 gesunken. Es ist klar, auch Bernd M. wird noch sein Brett (Bau-Projekt) finden.

Erste aggressive Mücken umschwirren uns im Salon, Skipper überrascht eine Bestie mit erbarmungslosem Handschlag, dieselbe färbt sich leider menschenblutrot. Günter kann mit seinem in unzähligen Outdoor-Expeditionen erprobten Spezialgerät sofort die Eiweißstrukturen, die für den Juckreiz verantwortlich sind, mittels Hitze zerstören. Die Mücken des Nordens sind also gewarnt, doch  Skipper fragt sich, was noch alles in seinem Körper zerstört wurde.

Wir brauchen weitere Frischmilch, ein guter Grund nach Redlöga zu fahren, dort lockt laut Navily das Symbol eines Einkaufswagens. Doch in Rodlöga beginnt die Saison am 16.6.26 und die Hinweisschilder am Anschlagbrett sind von 2025. Die Frischmilchlage entwickelt sich also prekärer. Skipper überrascht auf der ausgestorbenen Insel eine Hirschkuh auf der Suche nach einem willigen Paarungspartner (Blödsinn), oder war es ein Rentier, das auf einer Eisscholle hier gestrandet ist? Die übrige Crew jedenfalls bezweifelt dies einhellig, dabei hat doch der Skipper immer recht. Eine Regenfront wird am Donnerstag den Nachmittag in Mittelschweden versauen und wir benötigen weiterhin dringend Frischmilch. Somit darf nun ein Hafen angelaufen werden, obwohl die Crew ja eigentlich nur Segeln und Ankern möchte. Somit muss nun Norrtäjle herhalten für einen Aufenthalt am Steg. Duschen sind auch ein guter Grund für eine Hafenstop. Unsere Starterbatterie wird beim Segeln nicht geladen, Motorstunden haben wir bisher 3,3 geschafft und die Motivation der Crew liegt eindeutig darauf, diesen Wert nicht wesentlich zu steigern. Landstrom von den schwedischen Atomis ist somit auch sehr willkommen.

Der Fjord bis Norrtälje ist über 10 Seemeilen lang und begleitet uns mit kräftigen Böen bis 18 Knoten Wind sowie völliger Windstille, in denen uns die 16 Tonnen der ANUK ausreichend Restfahrt ermöglichen, um danach erneut in einer Bö auf der Backe zu liegen. Der Hafen ist noch nicht in Betrieb, der Code ist wirkungslos, das Restaurant nebenan gibt uns einen anderen Code, der aber am nächsten Tag auch schon nicht mehr funktioniert, das Restaurant ist geschlossen, keiner erreichbar (muss was mit der Saison zu tun haben). Wir ergänzen Vorräte, laden die Batterien und haken Norrtälje als nicht wert für zusätzliche 20 Seemeilen ab. Per Dockspot drücken wir 200 SEK ab inkl. Strom, wäre aber auch ohne gegangen.

Arholma lockt, wieder segeln bis an den Liegeplatz mit Heckanker. 4 Schweden sind dabei die Sauna aufzuheizen, 2 Schweizer Segler haben dieselbe zwischen 17.00 und 18:00 gebucht, wir sind bei beiden Sitzungen eingeladen. Punktlandung am schönsten Ort auf Arholma, wie Harald vom TO Stützpunt Stockholm empfahl. Derweil das Brot sich im Ofen entwickelt ist bereits der Teig für einen Marmorkuchen zubereitet. Halbzeit unserer Reise steht an, wir geben uns alle Mühe.

Arholma hält uns einen ganzen weiteren Tag fest umschlungen. Es regnet aus Eimern, wir belaufen trotzdem die Insel mit Regenschirm und Ölzeug. Am Nachmittag klart es auf, nur um dann nach einigen Stunden noch ein weiteres Mal mit Sturzbächen seine Naturgewalt zu zeigen. Die jungen Schweden sind auch wieder da, haben die Sauna gemietet und Skipper kann in derselbigen seine Stories loswerden. 4 Ärzte aus Uppsala, wenn die nicht mal Studenten waren. Das Ostseewasser hat hier 13 Grad und schmeckt ziemlich süß. Die Ärzte meinen, es würde von dem Verzehr der Fische abgeraten werden, durch den hohen Quecksilber-Gehalt, ein Schild mahnte bereits das Fischfangverbot von April bis 15. Juni an, alles schlechte Nachrichten für Günter. Skipper fragt sich, warum Quecksilber süß schmeckt.

Sonntag sausen wir mit blauem Himmel und bis zu 5 Windstärken aus Südwest nach Öregrund. Ein netter Ort mit alten Holzhäusern und Restaurant. Wir bestellen alle Fisch und bekommen, ja, was genau? eingepackt in einen fettigen Bierteig. Kommt leider nicht an den Backfisch auf der Kieler Woche ‚ran, moniert der Kieler Teil der Crew. Von der Hafenmeisterin lernen wir: in Schweden fragt man am Morgen: „Wie hast Du geschlafen“? Das erwähnte schlafverhindernde Verhältnis ist stabil bei 4:1, keine weiteren Bauprojekte nachts.

Öregrund können wir uneingeschränkt (dies muss im Verhältnis zu den Alternativen gesehen werden) empfehlen, eine schöne Wanderung in Pinienwäldern ist möglich und sehr alte Holzhäuser bieten sich als Fotomotiv an. Und es muss ja nicht immer gleich Fisch sein im Restaurant.

Skipper lässt sich den Sonnenuntergang um 22:06 nicht entgehen und ist beeindruckt wir lange die Sonne braucht zu verschwinden. Kein Vergleich zu einem Sonnenuntergang in der Karibik, wie schön kann Natur eben sein!

Nun wird es schwachwindig und nach Sikjälma wird der Motor zeitweise bemüht. Dann, in der Enge zwischen Västerkian und Känningen, ein kieloben treibendes rotes Kajak. Der Skipper ruft den maritimen Notstand aus, die Crew ist hellwach und unentschlossen in trauriger Stille angesichts der Tragödie und andererseits freudiger Erregung angesichts des Besitzes eines roten Kajaks für spätere Erkundungen. Erste Stimmen mahnen einen Mayday Ruf an, Skipper beschließt in die Nähe des Objektes zu manövrieren für bessere „Inaugenscheinnahme“. Werden wir eine Seeleiche bergen müssen? Skipper antwortet, nein, in dem Fall rufen wir dann um Hilfe. Fachliches Halbwissen zu aufgeblasenen Wasserleichen und deren gefürchteten Explosionen, ob Timmy oder nicht, werden kommuniziert. Da das Kajak ja verkauft werden und der Erlös in die Kasse der ANUK fließen kann, sind die Jäger und Sammler der ANUK nun kurz davor das Dinghi zu wassern. Der Skipper fordert weitere Bildnachweise, denen mit einem zweiten Fernglas Folge geleistet wird. Bei genauerer Beobachtung durch die Ferngläser gleicht das Rot des Kajaks zunehmend dem einer roten Fahrwassertonne, die für alle überraschend platt auf dem Wasser liegt. ANUK dreht erleichtert aber auch enttäuscht ab. Wäre ja auch ne dolle Story geworden, vom finanziellen Reichtum mal abgesehen.

Sikjälma ist ausgestorben, wie bereits erwähnt, diese Sache mit dem Saisonstart hier oben. Erster Versuch mit eine Heckboje zweifelhaften Aussehens wird in Folge einer fetten Böenwalze und heftigen Fallwinden gegen einen Ankerplatz mit ausreichend Schwoi-Radius eingetauscht. Nach dem Durchzug der Front ist das Wetter bis zum Morgen so ruhig, dass auch diese wursthafte Boje gehalten hätte. Das Dinghi wird nun für die Landeroberung gewassert. Die Sauna kostet 100 SEK, kann aber nur mit SWISH bezahlt werden. Später gibt es Weißkohl in Kokossauce mit Kartoffeln, Süßkartoffeln, Nachtisch mit Creme Fraiche und Nüssen und anschließend Hosenwind. Jo öffnet daraufhin die Flasche 700 ml RE:FORM-Kräuter-Likör mit 35 U/min, die dank der Gewürze, wie u.a. Pappelknospe und Lorbeerblatt, das innere Gleichgewicht wieder einigermaßen auspendelt und das Hosenwind-Hoch neutralisiert (Fachleute sprechen hier von vakuumisieren).

Nach ruhiger Nacht zieht es uns wieder hinaus, leider in pottendicken Nebel. Das Nebelsignal wird aktiviert, das Radar gestartet. Schon sind wir auf Kollisionskurs mit einem, der nicht tutet und ohne AIS fährt. Wir „erlernen“ mal eben das Radar. Er kommt von rechts, wir reduzieren den Speed, weiter geht es. Nun kommt segelbarer Wind, mit Segeln stimmt das Schallsignal nicht mehr. Jo drückt das Signal an der Box für Segelboote im Nebel, lang-kurz-kurz, und siehe da, die Box wiederholt das Signal automatisch. Hammer, Jo ist wieder begeistert, welch großartige Technik sich an Bord der ANUK befindet. Nun wird die Sicht besser, Jo will das Signal abstellen, das geht aber nicht. Da meint Mirko, man müsse Bernd P. über Bord werfen. Jo steht auf dem Schlauch, am Ende wurde Jo ziemlich verladen, indem Bernd draußen immer die Signaltaste entsprechend gedrückt hatte. Schön verladen, gutes Zeichen für die Crew.

Wir erreichen Skatön nach schöner Backstagsbrise. Eine SXK-Boje bietet sich an, später hören wir, die sind nur für bis zu 8 Tonnen ausgelegt. Es bleibt ruhig die Nacht, doch die Insel bietet rein gar nix.

So auch Innerstön mit der Bucht Fläsvik, die wir für das ursprüngliche Ziel Ajön eintauschen. Ajön hätte noch eine Sauna bieten können, doch der Ankerplatz war etwas unruhig und die Crew somit verunsichert. In Fläsvik ist, außer einem harten Unwetter, welches ein größeres Stück des Waldes flach gelegt hat, nix eingefallen. Uns fällt auch nix zu diesem Flecken ein. Ein Holländer liegt an einer der beiden blauen SXK-Boje, wir bevorzugen den Anker. (ANUKchen bringt es auf 16 Tonnen) Ein schwedisches Paar übernachtet in ihrem kleinen Motorboot an einem kleinen Steg ohne Wassertiefe. Wir vertiefen uns lieber wieder in UNO.

Die letzten 13 Seemeilen nach Hudiksvall sind schnell gesegelt, der Rückenwind hat uns die 2 Wochen nie wirklich im Stich gelassen. Der mega-sympathische Hafenmeister Lasse lässt uns parallel an einen Steg, das erleichtert die folgende Tage. Wir waschen und säubern. Am Freitag gibt es ein letztes Mal gemeinsames Essen im Restaurant. Am Samstag geht’s nach Stockholm und von dort im Nachtzug nach Hamburg.

Ende gut alles gut. Es ist der 12.6.2026, 17:07, die Sonne scheint wieder, wir wünschen allen Folgecrew Fair Winds und die Handbreit. (Text by JO)

Jo, Bernd P., Mirko, Bernd M., Günter

E2, Stockholm-Hudiksvall, 253 Seemeilen in 2 Wochen

„Hoffentlich hamwa alles…“

Orth — Stockholm
Skipperin: Astrid
Crew: Jo, Johannes, Christian, Bernd, Betty

Nach zahlreichen Arbeitseinsätzen, komplexen Crewplanungen, langen To-Do- und Einkaufslisten entschied sich Nanni noch kurz vor Törnstart für eine neue Dämpferplatte. Eine Recherche ergab, dass es auf konventionellem Weg bis zu zwei Wochen dauern kann, bis das Teil eintreffen würde. Mit Hilfe von einer Freundin von Mike, die spontan mit einer Dämpferplatte von London nach Amsterdam reiste und Mike, der das wertvolle Stück dort in Empfang nahm, wurde das Transportproblem gelöst. Wenige Stunden später begannen dann Uli, Christian und Jo den zerlegten Motor wieder zusammenzubauen, samt nagelneuer Dämpferplatte. Kopfüber im Motorraum, in einigermaßen akrobatischer Haltung wurde gebastelt, bis dann am Abend endlich wieder der satte Klang des alten Nanni erschallte. Währenddessen kümmerten sich die anderen Crewmitglieder um den restlichen Einkauf, bunkerten Diesel und Trinkwasser. Das entspannte Abendessen im Garten des Cafés die Villa nutzen wir für Wacheinteilung und Absprachen für den kommenden Tag.

Sonntag, gegen 8.45 Uhr legte die ANUK in Orth ab. Mike und Uli begleiteten uns noch ein Stück auf der Tai Chi. Nach kurzem Bangen, ob der Mast auch wirklich nicht an den neuen Gerüsten der Fehmarnsundbrücke hängen bleiben würde, segelten wir unter Genua und Groß bei 3-4 Bft. auf die offene Ostsee. Wind und Wetter waren uns hold. Zur Sicherheit wurde noch mit Rasmus ein Schluck Rum geteilt. Und bisher hat uns Rasmus nicht im Stich gelassen.

Die Vorhersage-Modelle waren sich zwar alle nicht einig, aber für die Überfahrt hatten wir gütigen West bis Nordwest, in schwankender Stärke. Beste Bedingungen, um gleich ein paar Manöver zu üben, wie z.B. Ein -und Ausreffen. Diejenigen, die schon öfter auf der ANUK waren, kramten in ihrer Erinnerung, andere teilten ihre reiche Erfahrung und gemeinsam kamen wir nach kurzem Üben mit Astrids Hinweisen zu einem ganz ansehnlichen Ergebnis.

In den folgenden Stunden hatten wir Zeit uns kennenzulernen. Denn obwohl unsere Wacheinteilung immer zwei an Deck und für den Rest Freiwache bzw. Standby vorsahen, saßen wir erstaunlich oft zusammen in der Plicht und plauderten. Schnell waren dann auch die jeweils vierstündigen Wachen um.

Die erwähnte Uneinigkeit der Wettermodelle führte dann auch zu regelmäßigen Trimm- und Segelmanövern. Wir fanden u.a. heraus, dass die Kombination 50% Genua und Fock mit zweifach gerefften Groß eine sehr stabile Kombi ist, um bei 15-20 kn am Wind zu segeln. Bei Böen von 30 kn funktioniert das Ganze mit 25% Genua genauso gut. Neben ein paar kurzen Flautenlöchern erfreuten wir uns an kräftigem West bis Nordwest, der uns mit bis zu 8 kn Fahrt über die Ostsee blies. Die kurzen steilen Wellen machten einigen von uns etwas zu schaffen, aber so richtig seekrank wurde zum Glück niemand. Nur der Schlaf war etwas getrübt durch das unregelmäßige Aufstampfen der ANUK. Anekdoten aus der Kotzfibel trieben uns später die Lachtränen in die Augen.

Mittwoch gegen 15 Uhr erreichten wir den Ankerplatz an der Insel Huvudholmen südöstlich von Stockholm. Auch wenn der Nordwind mitunter kalt hier in die Bucht bläst, haben wir entschieden, hier zu bleiben. Nach einem Bad am Heck nebst warmer Open Air Dusche machte sich die Crew an verschiedene kleine Aufgaben: diverse kleine Reparaturen, kochen, Stauliste vervollständigen. Es wartet ein sonniger Abend und vor allem eine hoffentlich durchschlafene Nacht auf uns.

Durch die Schären nähern wir uns Stockholm. Immer dichter mit immer urbaneren Häusern sind die Ufer besiedelt. Der Schiffsverkehr nimmt zu. Sollen wir nicht besser den Hafen anfunken? Was, wenn wir keinen Platz kriegen? Nachdem wir uns längsseits an die Pier des Wasa-Hafens legen, gibt uns die sehr entspannte Hafenmeisterin die Antwort: sucht Euch einen Platz aus!

Ganz in Ruhe besprechen wir das Ablegemanöver, diskutieren verschiedene Möglichkeiten, bei leicht auflandigem Wind von der Pier wegzukommen: geschickt eine drehende Bö nutzen? Vom Steg den Bug durch den Wind drücken? Oder doch lieber eindampfen in die Achterspring? Auch hier hat Rasmus ein gütiges Auge auf uns: im richtigen Moment dreht der Wind. Nun muss in eine Box mit starkem Seitenwind angelegt werden. Auch das haben wir vor dem Ablegen ausführlich erörtert, schließlich haben wir keinen Zeitdruck. Und entsprechend klappt es dann auch ganz geschmeidig. Christian am Steuer ist zufrieden.

Stockholm empfängt uns mit Sonne, milden Temperaturen und vielen aufgekratzten Menschen. Es ist Ende Mai, der Sommer in Sicht. Alle scheinen den langen dunklen Winter abzuschütteln mit Musik, glitzernden Kleidern, Drinks und Gelächter. Am Liegeplatz saugen wir die Atmosphäre auf, bevor wir uns wieder ans Arbeiten machen. Die gute ANUK hat noch ein paar Wünsche, bevor sie unter Skipper Jo weitersegeln will. Also wird an der Genua geflickt, die Hydraulik entlüftet, der Motor nochmals gecheckt und dabei ein Riesenstapel Bedienungsanleitungen durchforstet.

Bei Rotwein in der Abendsonne beobachten wir eine elegante Holzyacht nach der anderen: es ist Bootsveteranentreff. Also werden historische Schönheiten von nah und fern in den Wasa-Hafen geschippert, unter Segeln oder Motor. Manche glänzend von herrlich gepflegtem Holz, manche schon etwas mehr von Erfahrung gezeichnet – aber jede ein Schmuckstück.

Wir nutzen das Beisammensein in der Plicht auch zum Austausch. Ein schönes Ritual: reih um erzählen wir uns, wie der erste Eindruck voneinander war und wie der sich im Laufe der Woche verändert hat. Natürlich schweifen wir immer wieder in vergnügliche Anekdoten ab. Am Ende sind wir uns einig: wir haben uns gut miteinander eingeruckelt, Schwierigkeiten gemeistert, voneinander gelernt und vor allem: viel miteinander gelacht.

Text: Betty

Backoffice

Am Sonntag 25. August verlassen ULI und Crew Grönland. Die Wetterprognose sieht ganz okay aus und so gibt es keinen Grund länger zu warten. Ich stelle mich darauf ein, täglich die Wettervorhersagen (DWD und Predict Wind) anzusehen und zu warnen, falls etwas Bedrohliches aufzieht. Doch Starkwind wird bei dieser Überfahrt nicht das Problem sein.

Ärger bereitet mal wieder die Technik, diesmal ist es der Motor. Am 28. August schreibt Uli:
„Unser Motor erstaunt mich immer wieder (….).“

Was war passiert? Der Air Cooler hängt etwas tiefer. Nach längerem Suchen ist die Ursache klar, überrascht aber. Die massive Halterung ist komplett durchgerissen. Der Riss ist seitlich versteckt und durch Leitungen und Kabel verdeckt. An der Halterung fehlt eine Schraube. Das passt zu einer Schraube, die Uli Mitte Juni schon im Motorraum gefunden hat. Wir haben hatten allerdings nie die Stelle gefunden, wo die Schraube hin gehört.

In der täglichen Positionsmeldung schreibt ULI:
„Wir hängen im Schwachwind Loch und kommen mit gut 2 kn Fahrt mühsam voran. Motor will ich zurzeit nur nutzen wenn möglich (gebrochene Halterung für Luft- und Ölkühler, provisorisch heute Nacht fixiert).
@ Astrid and Mike: maybe Mike can organize the spare part in UK and/or bring it to Falmouth“

Das ist der Startschuss für ein unerwartetes Programm für die nächste Woche. Mike und ich chatten ständig, stöbern in Onlineshops, telefonieren mit Ersatzteillieferanten. Wir verzweifeln, lachen, wundern uns. Hier die chronologische Zusammenfassung:

–       28.8. abends Internet durchsucht. Kein Händler in UK hat das Teil vorrätig. Yach-supply24.com (Onlineshop in den Niederlanden) hat alle Teile, liefert weltweit, laut Webseite Lieferzeit 1-2 Wochen.

–       29.8. Peachment in UK (größter Ersatzteillieferant dort) bietet Lieferung in 2-4 Wochen an. Artikelnummer für die Halterung hat hinten ein A, Peachment bietet Teil mit gleicher Nr. aber hinten ein B an.

–       30.8. Frage bei Yacht-Supply nach den genauen Lieferzeiten Westport (Irland), Falmouth (England) und Calais (Frankreich).  

–       30.8. Bukh-Bremen hat die Halterung nicht auf Lager. Anfrage bei Nanni in Frankreich läuft, bisher keine Antwort.

–       30.8. Beschließen erst Montag über die Bestellung bei Peachment zu entscheiden.

–       Wir versuchen, eine Lieferung nach Calais zu organisieren. Mike ist bei seinem Schiff in Dover und bietet an, das Teil dort abzuholen.

–       2.9. Bukh-Bremen setzt alle Hebel in Bewegung und organisiert eine direkte Lieferung von Nanni (Zentrallager) nach Calais.

–       2.9. Wir stornieren die Bestellung bei Peachment.

–       3.9. Bukh-Bremen stellt Lieferung nach Calais in Aussicht, dann die Absage. Direktlieferung von Nanni innerhalb von Frankreich ist nicht möglich.

–       Ich kontaktiere MECA Diesel in Frankreich. Verständigung schwierig, da ich kein Französisch spreche.

–       4.9. Gerda ruft mit Unterstützung ihrer Schwiegertochter (Französischlehrerin) bei MECA Diesel an. Diverse eMails gehen hin und her. Mit Übersetzung oder in Englisch. Um 15:18 habe ich ein Angebot. Lieferung direkt zu einer Werkstatt in Caen.

–       4.9. Antwort von Yacht-Supply: Lieferzeit Irland 3 Wochen, England 3 Wochen. Ich bedanke mich und sage ab.

–       5.9. Konnte inzwischen klären, dass die Teile nach Calais geliefert werden. Sofortüberweisung klappt. Laut Tracking soll das Paket zwischen 8:00 und 13:00 ankommen, Adressat ist die Marina in Dover. 

–       6.9. Es wird nochmal spannend. Hier der Bericht von Mike (Originaltext):

0600 Mike drives to dover from job  3 hours. 
1000 Waits for news regarding parts 
1130 Courier says „refused“ 
1230 start the investigation by phone 
1300 discover Richard refused in port authority 
1400 Mike calls Richard and almost starts ww3 about to say you are a complete French asshole 
1401 Richard says the package is here 
1402 Mike says thankyou 
1530 ferry to France, walk 30 mins find out no foot passengers next ferry 1730 arrive 2000
Tild if you had a bike you can get any ferry 
1415 RUN yes RUN back to yacht get the bike, cycle back to ferry terminal 
1445 check in last person for ferry 
1520 depart UK for calais 
1522 office with package closes 1800
Ferries arrives 1800 
Problem! 
Solution ask manager Thomas in Calais marina to put the fucking part in the bar above the marina 
1523 Thomas agrees 
1524 all well. WE SAIL FOR FRANCE 

–       6.9. 18:00 schließt das Büro der Marina und die Fähre kommt an. Das passt zeitlich nicht. Mike bittet darum, dass das Paket in einer Bar deponiert wird, wo Mike es tatsächlich wenig später in Empfang nimmt. Gefeiert wird mit Bier und Essen. Dann geht es mit Fahrrad und Abendfähre zurück nach Dover.

–       7.9. Mike erreicht Falmouth gegen Mittag und nimmt um 16 Uhr die Leinen an. 16:28 kommt die Nachricht „Job done“!!!

–       8.9. Uli verbringt den Tag im Motorraum und wechselt die Halterung. Nicht alle Schraubenlöscher passen, also muss neu gebohrt werden.

–       9.9. Testlauf – alles okay!

Es bleiben die Fragen, warum die Halterung gerissen ist, warum zuvor die Schraube sich gelöst hat, warum sich früher schon anderen Schrauben gelöst haben bzw. abgerissen sind und ob bzw. wann der Ärger aufhören wird. Trotzdem ist es schön und das Wichtigste, dass ANUK, nach gut 16 Monaten wieder zurück in Europa ist und ULI es geschafft hat, alle Schäden zu reparieren.

Herzlich willkommen zurück!

Text: Astrid

Zwischen den Welten

Wir zitieren Bernhards Tagebucheintrag von gestern: „grauer Tag, immer noch hart am Wind. Es passierte: nichts.“

Heute hat der Wind nochmal zugelegt und wir mussten weiter hoch am Wind gegenan. Richtung Schottland, nicht ganz unser Ziel. Immerhin hat er gegen Abend wie vorhergesagt endlich auf SW gedreht und wir laufen jetzt unter Vollzeug bequem mit am Wind Kurs Scilly Island.
Was passierte: die Sonne zeigte sich kurz.

Wir sind jetzt 6 Tage unterwegs. Letzten Sonntag ging es um 05:30 Uhr mit dem ersten Licht los und wir hatten traumhaft schönes Wetter im Prins-Christian-Sund. Es blieb die ersten Tage sonnig, leider oft auch nur schwachwindig. Da wir den Motor nicht nutzen wollen, heißt es mit 2-3 kn Fahrt langsam Richtung Europa schaukeln.

Das Bordleben hat sich eingespielt, das Zeitgefühl ist dahin, alle haben sich an die Schiffsbewegungen und Wachrhythmus gewöhnt. 

Schiffe haben wir nur zwei Frachter gesehen. Beide haben uns per Funk kontaktiert, sich erkundigt, ob alles ok ist und ihre Verwunderung geäußert uns hier so weit draußen zu sehen.  Ansonsten hat die Morgenwache heute einen Delphin gesichtet. 
Der Wetterbericht sieht gut aus, wir freuen uns auf weitere entspannte See Tage.

Text: alle

Fata Morgana

In den letzten Tagen haben wir wiederholt Fata Morganen gesehen. Diese aus Wüsten bekannten Luftspiegelungen lassen sich auch in der Arktis beobachten. Am Übergang zwischen kalten und warmen Luftmassen werden Inseln und Eisberge gespiegelt. Hier ein paar Bilder dieses hübschen und irritierenden Phänomens.

Und weil es so schön ist, noch ein paar Eisbilder aus den letzten Tagen. Bei Abenddämmerung, bei Nebel und bei Sonne.

Marrak Point / Bluie West Four

Am Freitag verlassen wir nach dem Frühstück die Hauptstadt Nuuk. Wie zu befürchten war ist kaum Wind, sodass wir dieseln müssen. Wir arbeiten uns küstennah durch das Inselgewirr nach Süden vor. Das Fahrwasser ist durch Baken auf den Inseln gekennzeichnet. Teils sind weite Bereiche vermessen, teils gibt es nur eine aus wenigen Tiefenangaben bestehende Lotreihe. Überall sind zeitweise trockenfallende Felsen und unter Wasser liegende Steine verzeichnet. Die elektronischen Karten sind ein Segen, Navionics und C-Map sind gleichermaßen genau und zeigen unsere GPS-Position richtig an. Trotzdem sind wir vorsichtig, bei Tiefen unter 10 m fahren wir langsamer, wenn es gar unter 5 m sind versucht eine Person am Bug die Untiefen rechtzeitig zu erkennen. Den Kiel holen wir halb hoch und lassen die Leine, die ihn unten hält offen. So kann der Schwenkkiel bei Grundberührung einfach hoch schwenken. Kritisch würde es werden, wenn es flacher als 1,20 m ist. Das gab es hier noch nicht. Bisher sind wir ohne Grundberührung durchgekommen.

Am Nachmittag wird das Wasser immer milchiger, die Durchfahrten werden enger, die Tiefenangaben auf den Karten spärlicher. Wir fahren durch eine karibisch anmutende Inselwelt mit milchig-blauem Wasser, Sandstränden, flachen Schäreninseln. Am Abend ankern wir in einer großen Bucht an der Halbinsel Marraq (Übersetzung: Clay bzw. Lehm) mit langem Sandstrand und sehr großen Dünen.

Durch das Fernglas wird erkundet, ob irgendwo Handtücher ausliegen, so einladend sieht es aus. Doch wie fast immer sind wir auch hier wieder allein.

Nach einer ruhigen Nacht ist es morgens diesig und es regnet. Wir drehen uns nochmal um. Als es etwas freundlicher ist, wird aufgestanden. Kurzes, erfrischendes Morgenbad am Heck; Heizung an, Kaffee kochen, Frühstück. Dann Landgang zu viert, Uli und Yannick bleiben an Bord.

Aus unserem Revierführer wissen wir, dass es hier im 2. Weltkrieg ein Flugfeld mit Radio- und Wetterstation gab. Die flache Ebene wurde 1942 zufällig von einem Piloten entdeckt, der sich verirrt hatte und dem der Treibstoff ausging. Bei den sonst allgegenwärtigen Bergen und Felsen war das ein Glücksfall. Die natürliche Schotterebene eignete sich gut als Landebahn und wurde von 1942 – 1948 als Teil der US Militärbasis „Bluie West Four (BW-4)“ genutzt. Später hatte niemand mehr Verwendung für diese entlegene Landemöglichkeit und alles verfiel. Die Landebahn war noch lange auf Flugkarten zu finden, da sie für Notlandungen gut nutzbar ist (z. B. hier: <https://metar-taf.com/de/airport/BMKA-marrak-point>). In Die Aufräumarbeiten wurden von Grönland und Dänemark bezahlt. Der Ort wirkt aufgeräumt, wir finden nur noch wenige Überreste wie verrostete Fässer und Holz.

Bei unserem Landgang finden wir Fußspuren. Offensichtlich sind wir an einer auch von anderen genutzten Stelle angelandet. Später entdecken wir ein noch recht frische Rentiergeweih und zwei abgetrennte Beine. Offensichtlich war ein Jäger hier. Von den Grönländern wissen wir, dass jetzt Jagdsaison ist und dass es im Hinterland viele Rentiere gibt. Wir als Touristen sehen meist keines davon, vor uns sind sie sicher.

Zurück an Bord wird der Anker gelichtet und wir fahren weiter. Heute und auch morgen ist es verregnet, kühl, unwirtlich. Vorbei an auch bei Nieselwetter wunderschönen Eisbergen geht es weiter gen Süden.

Die verlassenden Siedlungen Grönlands

Wenn man sich langsam entlang der Fjorde Grönlands schlängelt, entdeckt man immer wieder Siedlungen, welche scheinbar unnachvollziehbar und spontan verlassen wurden. Teilweise handelt es sich um nur sehr wenige eingestürzte und überwachsende Häuserreste. Manchmal um stabile Bauten inklusive großer Überreste der Innenausstattung, die unter anderem noch als Sommerhäuser genutzt werden. So lassen sich Öfen, Betten, Schränke und Tische finden, welche noch immer einen mehr oder weniger verlässlichen Eindruck hinterlassen.

Um den Hintergrund dieser verlassenden Siedlungen nachvollziehen zu können, muss man einen Blick in die Zeit des europäischen Kolonialismus werfen. 

Im 16. und 17. Jahrhundert beschränkten sich die Handelspartner der Inuit noch auf wenige europäische Händler. Im Jahr 1721 erreichte dann der vom Dänisch-Norwegischen König gesandte Missionar Hans Egede die West Küste Grönlands, wo er sein Lager (die heutige Hauptstadt Nuuk) errichtete und die Zeit Grönlands als Kolonie einläutete. Auch heute ist er noch bei vielen jungen Einheimischen bekannt, da seine Ankunft den Startpunkt einer Verarmung und Ausbeutung der einheimischen Bevölkerung markiert. Das Handelsmonopol erlangte Dänemark schließlich mit der Gründung des Royal Greenland Trading Departments 1774. Und ab 1814 wurde Grönland formal zur dänischen Kolonie. Dabei bedienten sie sich der begehrten Waren, wie Felle und Elfenbein, missionierten die Bevölkerung und brachten Krankheiten und Alkohol. 

Die Machtverhältnisse änderten sich erst wieder im Zweiten Weltkrieg, als Dänemark 1940 von Deutschland besetzt wurde und die USA die „Versorgung“ Grönlands übernahmen. Dafür bauten diese Militärflughäfen und bereicherten sich am, für die Aluminiumproduktion wichtigen, Kryolith-Vorkommen Grönlands. Erst nach Ende des Krieges übernahm Dänemark wieder die Machtposition, gab ihre passive Regierungsweise aber schließlich unter dem Druck der UNO auf. Mit dem neuen dänischen Grundgesetz, welches 1953 verabschiedet wurde, galt Grönland nun nicht mehr als Kolonie, sondern als Teil des dänischen Staates mit Abgeordneten im Parlament. 

Dänemark befand sich nun in der Pflicht die Lebensverhältnisse anzupassen, wofür schließlich der Entwicklungsplan G-60 erlassen wurde. Der Bau neuer Schulen, Krankenhäuser und Häfen begann. Eine besonders große Veränderung durchlief dabei vor allem die Fischindustrie. 

Was auf den ersten Blick wie ein einziger Gewinn für Grönland wirkt, brachte auf der anderen Seite viele negative Effekte mit sich. Das durch Wetter und Jahreszeiten bestimmte Leben der Inuit wurde nun für viele durch einen von der Stechuhr geregelten Arbeitstag in der Fischfabrik ersetzt. Die Folgen der sich schnell änderten Lebensbedingungen der Inuit waren eine Vielzahl sozialer Probleme, wie zunehmender Alkoholismus, Gewalt sowie ein Anstieg der Selbstmordrate.

Die neuen Fischfabriken gab es oft nur in den größeren Orten, sodass immer mehr Menschen die kleineren Siedlungen verließen, um Arbeit in dem sich wechselnden System zu finden. Kleinere Siedlungen wurden auch aus wirtschaftlichen Gründen aufgegeben und verödeten schnell. Noch im 20 Jahrhundert schmückten rund 200 Siedlungen die Fjorde Grönlands. Heute beschränkt sich diese Zahl auf 80. 

Auf unserer Reise sahen wir beide Richtungen, in welche sich diese Veränderung bemerkbar macht. So trafen wir auf sehr kleine Siedlungen wie Kangerluq am Diskofjord, welche nur noch zwölf Einwohner zählten und wir uns fragten, wann auch dieser Ort endgültig verlassen sein wird. Auf der anderen Seite überraschte uns Søndre Upernavik. Auf unserem Rundgang machte der Ort einen lebhaften Eindruck auf uns und wir kamen mit den Einwohnern ins Gespräch. Einer der Dorflehrer erzählte uns, dass an der Dorfschule 40 Schüler und Schülerinnen von sieben Lehrern unterrichtet werden, was bei 200 Einwohnern eine beachtliche Zahl darstellt. 

Doch bei einem Blick auf die rasant wachsende Hauptstadt Nuuk, rund 1000 Menschen ziehen hier jedes Jahr dazu, können wir uns vorstellen, dass auch in Zukunft noch viele weitere Siedlungen von ihren Einwohnern verlassen werden. 

Text: Nico

Søndre Upernavik
Nuuk Bauaktivitäten

Wanderungen

Segeln ist toll. Eigentlich. In den hohen Breiten gibt es jedoch nicht immer Gelegenheit dazu. Flaute, Eis und unsichere Wassertiefen sind oft der Grund dafür, dass wir durch die großartige arktische Landschaft motoren und faul im Cockpit rumlungern, lesen oder schlafen. Oder wir (zumindest Graham und ich) klettern in Gedanken an steilen Felswänden hoch und machen Erstbesteigungen der unzähligen Gipfel. Um nicht ganz einzurosten und zu versteifen, unternehmen wir kleinere und größere Wanderungen. Üblicherweise besteige ich gerne den Hausberg einer Ankerbucht. Das geht hier nicht immer, da die Hausberge oft viel zu steil und hoch sind. In diesem Beitrag nehme ich auf drei ganz unterschiedliche Wanderungen mit:

Vom Inlandeis nach Kangerlussuaq
Den Transfer zum Point 660 (auf dem Ice Shield) habe ich schon von Berlin aus gebucht. Ein gelbes 4WD „Taxi“ bringt uns über die Schotterpiste an die Eiskante. Die Fahrt dauert rund 2 Std für 37,5 km, der Fahrer (ein junger Färinger) erzählt uns ein bisschen was über die Gegend und zeigt uns ein Flugzeugwrack. Es regnet in Strömen, nicht gerade ideal für unsere geplante Tour aber nicht zu ändern. Wir wandern und rutschen staunend über den grauen Ausläufer des Inlandeises. Wir besteigen einen Hügel und essen zum Mittag ein Snickers. Dann schultern wir die Rucksäcke und ziehen los. Am ersten Tag haben wir nach nur 6,8 km unser Tagesziel erreicht und nutzen eine Regenpause, um die Zelte aufzubauen. Nico und ich ziehen nochmal los, queren einige Bäche und besteigen Hügel mit toller Aussicht auf die Landschaft und die Eiskante. Zum Abendessen gibt es Expeditionsnahrung von LYO (echt lecker!).

Am 2. Tag regnet es kaum noch, wir sehen Rentiere und besuchen den Russel Gletscher. Bisher sind wir auf der Schotterpiste oder in der Nähe verlaufenden Pfaden gewandert. Nun wählen wir eine Route um den See Aajuisup Tasia herum. Am Abend dauert es etwas, bis wir einen halbwegs geeigneten Platz gefunden haben, um die Zelte aufzustellen. Entweder ist es zu nass, zu steil oder zu bewachsen. Bäume (Polarweise) und Krautzeug sind zwar nicht hoch, aber widerspenstig. Am Berghang ziehen Moschusochsen vorbei.
Am 3. Und 4. Tag wandern wir größtenteils entlang der eingezeichneten Routen aber ohne Wege und Pfade über die Weiten der arktischen Tundra und einige Berge. Die Anstiege sind teils super steil, später können wir lange auf dem Bergrücken auf und ab Wandern und die tolle Aussicht genießen. Meist scheint die Sonne, oft können wir im T-Shirt laufen. Die Tagesetappen sind 17,9 / 18,5 / 11,9 km lang. Insgesamt legen wir rund 55 km in 3,5 Tage zurück. Als Verpflegung hatten wir Suppen, Trockenfrüchte und Hauptgerichte von LYO sowie Müsli, Snickers, Nussmischungen, Kaffee und Tee dabei. Bäche mit Schmelzwasser gab es unterwegs immer genug. Das Essen hat gereicht, war aber knapp. Zurück im Hostel kochen Yannick und Nico eine Riesenportion Nudeln mit Tomaten-Paprika-Soße, die uns alle gut sättigt und die verlorenen Kalorien auffüllt. Dazu gibt es etwas Bier, zischt und schmeckt köstlich.


Sanderson‘s Hope
„Sanderson his Hope of a North-West Passage“ ist ein 1042 m hoher Berg, der 1587 von John Davis gesichtet und beschrieben wurde. Die Einheimischen nennen ihn Kaersorsuak. Die Erstbesteigung fand 1934 statt. In unserem Revierführer steht ganz lapidar „Temporary anchorage (…) giving access to a walking ascent of Sanderson’s Hope from the N side“. Da wir zum einen keine Kletterausrüstung dabeihaben und zum anderen alle gar nicht in der Lage wären die steile Wand hoch zu klettern, freuen wir uns auf eine hoffentlich entspannte Wanderung auf den imposanten Berggipfel (1042 m hoch). Wir erkunden den beschriebenen Ankerplatz an einer Bachmündung, ankern in einer geschützten Bucht an der Insel gegenüber und brechen am nächsten Tag halbwegs früh auf.

Graham meldet sich morgens krank, Yannick bleibt lieber mit Uli an Bord also sind wir noch zu dritt. Nico, Jörg und ich packen einen Rucksack mit reichlich Verpflegung voll, nehmen Signalmunition und UKW-Funke mit und lassen uns von Yannick am Ufer absetzen. Zum Einstieg gibt es eine kleine Kletterei, dann können wir die erste Bergkuppe über einen bewachsenem Rücken gut erreichen. Danach geht es über Geröll und Blocksteine entweder steil hinauf oder am Hang entlang. Zwei noch vereiste Bergseen kommen nacheinander in Sicht.

Wir kommen nur langsam voran, oft auf allen Vieren und blicken skeptisch nach vorne. Leider bestätigen sich die Befürchtungen. Die nächste Schneise können wir nicht überwinden, alles viel zu steil. Auf der anderen Seite sieht es zwar besser aus, aber da kommen wir ohne Ausrüstung nicht sicher hin. Sanderson‘s Hope fällt damit aus. Der benachbarte Berg auf dem wir stehen ist zwar nur knapp 500 m hoch, aber die Aussicht ist trotzdem toll. Im Norden die See, mit einzelnen Eisbergen. Im Süden ein Tal mit Seen und dahinter wieder Fjorde und Sunde. Zurück nehmen wir eine etwas andere Route. Trotzdem ist der Abstieg anstrengend. Das steinige Gelände beansprucht die Knie und verlangt ständige Konzentration. Später können wir auf die kleine ANUK hinabschauen. Um halb 4 sind wir zurück an Bord. Ich nehme ein Bad im hier doch recht kühlen Meer und trockne in der warmen Sonne. Danach motoren wir eine Insel weiter in die Bucht Torssuit auf Atiligssuaq.


Abendspaziergang
Gleich am nächsten Tag brechen Yannick, Nico und ich nach dem Abendessen zu einem (wie wir denken) kurzen Abendspaziergang auf. Wir ankern in einer sehr gut geschützten Bucht am Ende des Fjords Taserssuatsiaq. Ziel ist ein Bergkamm hinter unser Ankerbucht, von dem aus wir uns das Inlandeis aus der Ferne ansehen wollen. Die Landschaft am Ufer überrascht uns. Eine seltsame Mischung aus unnatürlich wirkenden Hügeln (sehen aus Abraumhalden), Blumenwiesen, tiefen Bachtälern und Mooswiesen mit dicken Blocksteinen. Auf den Mooswiesen läuft es sich ganz gut, aber wir kommen unserem Ziel kaum näher. Immer wenn wir eine Kuppe erreicht haben, geht es danach noch weiter hoch. Das nimmt kein Ende, folglich können wir den Kamm nicht erreichen. Wir geben auf und kehren um, ohne das Inlandeis gesehen zu haben. Das ist sehr frustrierend. Die Sicht ist unglaublich gut, so dass sich die Entfernungen nicht einschätzen lassen. Vom Schiff aus sah der Hausberg ganz nah aus, an Land dann liegt er in unerreichbarer Ferne (zumindest wenn wir ihn mit einem Abendspaziergang erreichen wollen).

Text: Astrid + Thomas (Wanderung 1)

Ankunft in Upernavik

Nach 2 Tagen mit etwas trüben Wetter freuen wir uns heute wieder über blauen Himmel, Sonnenschein und angenehme Temperaturen.

In der letzten Ankerbucht gab es wieder einen wundervollen Rundumblick. Gut ist, dass andere die Ankerbuchten erkundet haben und der Revierführer gute Beschreibungen enthält. Wir arbeiten uns mit langsamer Fahrt vorbei an Unterwassersteinen bis zum hinteren Teil, der letzten von 3 Buchten vor.
An Land gibt es wieder Angelhütten. Eine ist ziemlich zerfallen und zugemüllt, die andere noch leidlich in Ordnung. Landgangcrew Nr. 1 besteigt den Berg vor ANUK und lässt Felsblöcke wie ein Troll den Berg hinab kullern. Dass andere getroffen werden ist ausgeschlossen, da wir wirklich alleine sind, so wie bisher in allen Ankerbuchten. Mein Abendspaziergang geht hoch hinaus auf den Hausberg am Heck der ANUK. Das Erklimmen der Berge als Ersatz für Drohnenflüge macht Spaß und hält fit. Der Blick von oben belohnt!

Südseite
Nordseite

Wir feiern Olafs Geburtstag nachträglich, denn er hat uns dann doch verraten, dass er gestern seinen 59. Geburtstag hatte. Uli backt einen Schokoladenkuchen und dann gleich noch zwei Brote. Danach gibt es noch eine Runde Doppelkopf mit einem Kamikaze Sieg von Yann-Nico zum Abschluss. Die neu in das Spiel Eingeweihten blicken so langsam durch, werden mutiger und sind im Doppelpack ein ernst zu nehmender Gegner.

Heute früh sind wir kurz nach acht gestartet. Anker auf bei Nieselregen. Heißer Kaffeewärmt die klammen Finger, später gibt es Frühstück mit selbstgebackenem Brot von Uli. Dann klart der Tag auf und entwickelt sich prächtig. Wir machen einen kleinen Umweg am Vogelfelsen „Agparssuit“ an der Südseite von Qaersorssuaq vorbei. Der Felsen ist beeindruckend, die steil aufragenden Felsen sind überall wo dies möglich ist mit Dickschnabellummen und Eissturmvögeln besetzt.

Unser Tagesziel, eine Ankerbucht gegenüber von Upernavik, erreichen wir gegen 17 Uhr. Der Anker fällt bei rund 10 m Wassertiefe, der Grund ist noch so eben zu sehen. Achteraus mit etwas Abstand liegt ein dicker Stein unter der Wasseroberfläche. Ich schicke Yannick und Nico mit dem Dinghy los, um unsere Schwojkreis auszuloten und zu angeln. Bisher hatten wir kein Glück, aber diesmal klappt es auf Anhieb. Nach wenigen Minuten wird der erste Dorsch angelandet. Die beiden kündigen an, dass sie noch einen zweiten holen und erledigen dies auch sofort. Dorsch Nr. 2 ist noch dicker, beiden zusammen reichen für‘s Abendessen.

Während ich hier schreibe, gibt es erst als Vorspeise Poisson Cru (roher Fisch mit Kokos, Limette und Zwiebel, diesmal ohne Knoblauch) und der Fisch wird gleich gebraten. Für Thomas und Olaf ist es heute der letzte Abend an Bord. Zum Abschluss springt Olaf ins Wasser, immerhin 3,5°C, und trinkt dort sein Ankerbier.

Text: Astrid

Endlich wieder Grönland – der erste Eisberg

Seit sechs Tagen sind wir unterwegs. Das Warten hat sich gelohnt, wir haben gute Wetterbedingungen. Die erste Nacht war die kälteste mit 2° C. Ansonsten viel Sonne, selten Regen. Das Thermometer im Doghouse zeigt bis zu 14° C an.
Eine Nacht mit Südwind 7 Bft. laufen wir bequem unter Fock. 
Immer wieder sehen wir Wale und Delfine. 
Heute ist es wieder sonnig mit guter Sicht. ANUK gleitet mit raumen Wind unter Genua dahin. 
Und Bernd sichtet am Horizont den ersten Eisberg der Saison. Weit weg aber zu erkennen.

Morgen werden wir vor der Küste mit mehr Eis rechnen müssen. Leider ist Nebel angesagt. Immerhin wird es nachts nicht mehr richtig dunkel.  
Ansonsten hat sich das Bordleben und Rhythmus eingespielt in der dreier Crew. 
Wir freuen uns über die entspannte Fahrt unter guten Bedingungen und hoffen es bleibt die letzten 1,5 Tage weiter so. 

Text: ULI