Aktuelles

Crewwechsel – Mission impossible oder „und wieder ein Bürotag auf dem Sonnendeck“

Anfang August: Der nächste Crewwechsel in Grönland steht an.

Plan A: Ankern vorm Constable Point – Nerlerit Inaat – der Flugpiste in the middle of nowhere, am ersten Seitenarm rechts im Scoresbysund, frische Crew aus Reykjavik einfliegen, alte Crew ausfliegen, Dinghi-Shuttle zur Anuk einsetzen.

Stop! – Plan A impossible – Stop – Eisschollenalarm auf dem Wasser im Seitenarm – Stop – kein Durchkommen mit Anuk zum Flugplatz – Stop

Nachricht an Crewfrischlinge auf Island: Plan A gecancelt – Wir arbeiten an einer Lösung

Plan B: Der reine Luftweg – Uli und Astrid funktionieren das Cockpit beherzt in ein Reisebüro um – telefonieren, mailen, organisieren einen ganzen Tag lang – es geht hin und her – Helikopterplätze sind rar – doch dann: 
Der Helicopterpilot (nett, verwegen, gutaussehend) fliegt die am Constable Point Gestrandeten, zuerst die der anderen Boote (Opal und Tilvera von Northsails), nach und nach in die Bucht von Ittoqqortoomiit, wo die Anuk vor Anker liegt.

Doch frei nach Bertold Brecht: Mach nur einen Plan, sei ein schlauer Wicht – und mach noch einen zweiten Plan, gehen tun sie beide nicht.

Der Helipilot

darf seine Flugzeiten nicht überstrapazieren, so müssen – trotz der Charmeoffensiven verschiedener Damen – Axel und Peter eine Nacht auf dem Flugplatz verweilen. Gern hätten die Jungs ihre Schlafsäcke dort unter dem Sternenzelt ausgerollt, oder im Hangar. Doch werden sie wiederholt und mit Nachdruck dazu „eingeladen“, sich ein Zimmer deutlich gehobenen Preisniveaus im anliegenden Holzhotel zu nehmen. Peter dazu: Müssen ja alle von wat leben, wa!

Am nächsten Tag sind dann alle glücklich an Ort und Stelle, Astrid mit Axel vereint, Crew vollständig an Bord und Ecki, die auf ihrem Rückweg auch im Holzhotel gestrandet war, auf dem Weg in die Heimat. Großen Dank an das Orgatalent der Kapitäninnen!

Text: Nane

Der Weg ist das Ziel?

Vor knapp 5 Jahren haben wir Grönland verlassen und es war klar, dass wir zurückkommen wollen. Die Ostküste sollte es ja auch nochmal sein. Einsam, mehr Eis und anspruchsvoller. Und jetzt sind wir hier, im größten Fjord der Welt, im berühmten Scoresbysund. Er hat es uns dieses Jahr nicht einfach gemacht. Nach dem kalten Winter in der Arktis hält sich das Eis hartnäckig und unsere Törnplanung geht nicht ganz auf. Mit uns warten einige Segler auf Island, wer Zeit hat vertreibt sich die Zeit einfach dort, andere sagen Etappen ab.

Wir sind die ersten dieses Jahr, die es nach Ittoqqortoormiit geschafft haben, wenige Tage später folgen weitere Yachten und auch ein Cruise Ship ankert in der Bucht.

Nachdem wir es hierher geschafft haben hängen wir in Ittoqqortoormiit mehr oder weniger fest. Der Rest des Fjords ist noch zu, selbst am Ankerplatz müssen wir ständig Eisschollen ausweichen. Mit TILVERA zusammen versuchen wir eine Fahrt in den Fjord, kommen nur langsam voran und brechen irgendwann ab.

Als Schiffsführung beobachtet man besorgt die Windvorhersagen, zum Glück bleibt es ruhig. Starker Südwind würde unser „Gefängnis“ Ittoqqortoormiit schnell sehr ungemütlich machen, die alternativen Ankerbuchten sind leider auch mit Eis gefüllt.

Auch wenn wir nicht weiterkommen gibt es viel zu sehen und zu unternehmen: den Strand der Kvalrosbukta um die Ecke erkunden, Paddel- oder Dinghyfahrten zwischen den Eisschollen, ein Landgang zur verlassenen Siedlung Kap Tobin, Gespräche mit anderen Reisenden oder das reduzierte Sortiment des Ladens inspizieren (Das Versorgungsschiff war dieses Jahr bei unserer Ankunft noch nicht da.). 

Den Kurs für „Slalomfahrt im Eis“ absolvieren natürlich auch alle erfolgreich. Mit etwas Übung lässt sich ANUK gut manövrieren.

Einmal trauen wir uns um Kap Swainson raus nach Norden. Es erwarten uns Nebel und Frost. Gelegentlich wird uns ein kurzer Blick auf die Küste gegönnt. Unser Ziel Sandbach Halvø am Kolding Fjord ist nur auf dem Radar zu erkennen. Der Strand mit Hütte taucht erst schemenhaft im Nebel auf als wir dicht davor sind. Dass derzeit dort stationierte Forschungsteam aus Frankreich entdeckt uns trotzdem. Der Landgang fällt wegen des Nebels kurz aus, es ist zu gefährlich (Eisbären). Die Crew besucht kurz die Forscher:innen und lädt sie ein uns an Bord zu besuchen. So sitzen wir abends dann zusammen und erfahren viel über Krabbentaucher und diskutieren über veränderte klimatische Verhältnisse usw. Was mich überrascht, alle drei sind die fünf Wochen hier auf Grönland während ihres Urlaubs. Sie fangen Krabbentaucher und befestigen kleine Sender an ihnen. So kann untersucht werden, wo sie sich aufgehalten und wohin die Vögel im Laufe des Jahres ziehen. Anscheinend kehren sie immer wieder zur selben Brutkolonie zurück (hier sollen es über 100.000 Tiere sein.). 

Auch an diesem Ankerplatz beschäftigt uns treibendes Eis. Weiter nördlich ist noch alles zugefroren, der Fjord westlich ist ebenfalls noch eisbedeckt. Die Captain entscheidet um 02:00 Uhr wieder nach Süden Richtung Scoresbysund zu laufen. In der Hoffnung vor dem nächsten Windfeld, was die Eisbedingungen wieder ändern kann, in den Scoresbysund zurückzukommen. Klappt leider nicht. Wir laufen mit bis zu 25 kn Wind im dichten Nebel nach Süden. Der Nebel gefriert und das Rigg wird von einem Eisfilm bedeckt. Da sich die Bedingungen an Kap Hodgson nicht bessern laufen wir am frühen Morgen in die Buchten hinter Raffles Ø ein. Wind und Nebel bleiben draußen, unsere Ziel, ein Ankerplatz im Lillefjord (Kangertivatsiákajik) ist mit frischen Eis bedeckt. Es ist zum Glück so ruhig, dass wir uns einfach ein paar Stunden treiben lassen. Die Landschaft ist atemberaubend, die Sonne angenehm warm. Das Eis aus dem Rigg taut schnell und prasselt an Deck. Der Windmesser funktioniert irgendwann auch wieder. 

Welch ein Kontrast zum Wetter des Vortages und der Nacht.

In der darauf folgenden Nacht nutzen wir eine Windpause und kommen wieder gut zurück nach Ittoqqortoormiit. Die dort auf uns wartenden Infos zum Crewwechsel sorgen für Unruhe, Captain Uli fühlt sich an Büroalltag erinnert (siehe folgenden Blogbeitrag).  

Schon ein komisches Gefühl, nach fünf Jahren, einem Jahr Planung und drei Monaten Anreise jetzt hier zu sein und doch nicht so ganz. Es kommt doch immer alles anders. Das Wetter bestimmt hier alles und wir müssen uns immer wieder darauf einstellen. Manchmal ist es frustrierend, manchmal betrachtet ich das Geschehen mit Sorge und ganz ganz oft ist es einfach nur faszinierend. 

Wer es noch nicht kann lernt Gelassenheit, die Dinge zu nehmen wie sie kommen. Nächtliche Ankerwachen wegen der Eisschollen sind z.B. eine gute Gelegenheit für philosophische Gespräche.

Was folgt berichtet wer anders.

Text: ULI (03.08.2023)

„You are never going to believe this, boys….“

I am Captain William Scoresby of the good English ship Baffin. I have already told you about the magical ship ANUK, and her strange crew of Wizards.
We were sailing fast through a thick fog after my rescue, something I would never dare to do on my own ship. But the lady captain Uli showed me another magic box, which she called „Radar“. This painted a picture of the surrounding seas and coast of Greenland as if looking down from the heavens. Captain Uli told me of the clockwork workings of this wonder. It was, she said, like the twittering of bats!
How can this possibly be true? How can bats live in this box?!
Then she showed me the hull of this ship Anuk. It seemed to be made in one piece of some strange, light silvery grey metal which I have never seen before. The mast was made from a tree of this same metal. A metal tree, my friends! The dinghy was strange, too, obviously made of the black bladder of a giant sea monster.
I was led below into the cabin of the Anuk. At least the table was made of something familiar: tree wood. But it was covered with the skin of some transparent animal, so this strange beast must have had the blood and muscles visible to the eye.
This crew of wizards wore clothes of bright colours, far brighter than any colour in our society. They told me these were also made of the oil sucked from under the earth, but maybe I misunderstood. There were books made, like ours with paper, but the paintings were drawn with exceptional detail. I looked inside the books, but they spoke of marvels I could not understand: a great chattering of fools upon the colored boxes, theatre plays performed inside other coloured boxes by miniature people, and great birds made of the same silvery metal, and propelled by giant blowlamps which burned the oil sucked from the ground.
One crewman, who said his name was Frank, told me his occupation on the land was the manufacture of four-wheeled metal boxes that travelled at huge speed. These contained more people of the ANUKii tribe. These were called Volks Wagens, or people-boxes, like our tin cans for food. These too were propelled by steam engines burning the ground-oil.
The crew told me that there were those in their society who wished to stop burning the oil from the ground, but I cried

„Then more whales must die to feed your machines!“

Then one of the Anuk tribe turned to me and said

„I see your ship Baffin upon the box of bats. Do you wish to return to her, Captain Scoresby?“

I assented at once, saying that I needed to preserve my crew. Could we perhaps follow the Anuk into Harbour, please? Swiftly we drew close to my ship and the Anuk crew tied great colored bladders along the sides, and prepared ropes made of the long white hairs of another sea monster.

At last I leaped upon my own deck, and turned to my amazed crew:

„You are never going to believe this, boys….“

Text: Graham

Eis, viel Eis

Wind und Gezeitenstrom treibt das Eis hin und her. Mal ist es bedeckt und heute ist es wunderbar sonnig. Hier in der „arktischen Riviera“ lässt es sich aushalten. Gestern haben wir versucht weiter in den Sund rein zu fahren. Zusammen mit Tilvera sind wir nach dem Frühstück gestartet. Ziel war Hekla Havn gut 80 sm weiter westlich. Nach gut 4 Stunden und nur 12 sm haben wir umgedreht und noch vor Mitternacht waren wir zurück. Um es kurz zu machen: zu viel Eis, zu hohes Risiko, dass die Crew in ein paar Tagen ihren Rückflug verpasst.

Der kleine Ausflug war trotzdem nett und wir haben viele Fotos gemacht. Heute gleich noch mehr. Ein Bilderbuch Sommer-Sonnentage. Arktisch, klare Luft, viel Sonne, tolle Farben. Frühstück, Mittag und Abendessen im Pulli an Deck. Ausflug zum Wasserfall, um Trinkwasser zu bunkern, Ausflug zur Tankstelle, um Diesel aufzufüllen, Ausflug mit den Packrafts, um Fotos zu machen. Rumhängen, lesen, Kaffee trinken. Wir wären zwar alle gerne woanders (Hekla Havn) aber so isses auch schön.

Text: Astrid

Englishman on Board

Journal of a Voyage to the Whale Fishery of  East Greenland in the Year of Our Lord 1820, together with an account of a meeting with a strange Germanic tribe called the ANUKII, and my discovery of a Great Fjord which I name Scoresby Sound after my esteemed Father.

I am Captain William Scoresby of the good ship Baffin, out of the port of Liverpool. In the month of July in the Year of Our Lord 1820 we were lost off the coast of Greenland, held fast in pack ice, and struggling with a rising gale. The Timbers of our vessel were creaking with the strain, our sails were torn in a hundred places, and my crew were in despair.  I fell to my knees on the quarter deck and prayed to the Lord in this fashion:

„Give us a break, oh Lord!“

As I uttered these words the fog cleared, and a strange ship appeared! 

It was no more than twice the length of one of my whale boats, and was blue in colour. Upon the side was the name: „ANUK“. Somehow it propelled towards my good ship Baffin against the wind, and on seeing this some of my more superstitious crew fell down upon their knees and cried „This must be magic!“

The crew of this strange ship waved to me, and so I leaped into a small dinghy and rowed across alone to ask for help and directions in this strange foggy land. As I did so a huge wave filled my small dinghy and it started to sink!

I felt hands upon me and I was dragged aboard the Anuk, more dead than alive.

I cannot begin to tell you of the marvels aboard this small ship, there are so many.

To begin, the crew all spoke a Germanic language which I struggled to understand. 

First they showed me a colored chart upon a lighted box, a chart which moved with the ship. It was as if we were in the heavens and able to see down through the fog.

Then I saw that all the ANUKII tribe (for so I called them) looked closely at small colored boxes at all hours of the day. They claimed they could read books and order hot pizza on these boxes, but this could not be true.

Had I fallen in with some magical wizards? Was this witchcraft?

I looked around for my good ship Baffin, but the fog had closed in and she was not to be seen.

I was now alone with these people, and had to throw myself upon their mercy.

The captain was a woman, another marvel, and she showed me how to make hot coffee upon a stove that she said burned oil sucked from under the ground. This cannot be true, surely? Furthermore, she showed me a curious steam engine which burned the same oil not under a boiler, but inside the cylinders! This steam engine propelled our ship Anuk through the gale and the fog faster than my ship Baffin with a following wind. How could this be possible?

As I marveled at these wonders in the cabin, a strange voice filled the air from another of the magical boxes in this ship. Astonishingly, the voice spoke in the English language:

„Anuk, Anuk, fancy a pint ashore tonight?“ it said.

By some witchcraft my new captain touched a rubber spot and uttered the words:

„Curlew, Curlew, good idea if you are buying. By the way, we have picked up some old English guy out of the sea. Is he yours?“

TO BE CONTINUED

Text: Graham

Geburtstag im Eis

Mit dem Crewwechsel befinden sich jetzt an Bord: Uli, Astrid, Graham, Ecki, Uschi, Frank und Annette. ANUK liegt im herrlichen Sonnenschein in der Bucht vor Ittoqqortoormiit inmitten der Eisschollen. Wir wollen in den Scoresby Sound fahren und beobachten die Eiskarten. Noch ist das Eis zu dicht, so dass wir zunächst kleinere Tagesfahrten unternehmen. Die erste Fahrt führt uns nach Amdrup Havn. Wir gleiten langsam durch die Eisschollen, ein riesiges Labyrinth aus wechselnden Farben und Formen. Gerne hätten wir am Ende an einem Wasserfall für die Nacht geankert. An dieser Stelle führt über einen langen Abhang ein Schneefeld in die Bucht, auf dem ein scharfer Wind aufs Wasser surft – kein lauschiger Platz für die Nacht. Wir schlängeln uns zurück nach Ittoqqortoormiit. Am Abend bekommen wir Besuch von Magda und unserer neuen Inuit-Freundin, die wir auf der Volksfest-Eisscholle kennengelernt haben. Sie ist 23 Jahre alt und erzählt uns über ihr Leben in dem kleinen Ort. Sie hat die Oberschule in Westgrönland besucht und ist vor einem halben Jahr zurück nach Ittoqqortoormiit gekommen. Hier lebt sie mit ihrem Vater und ihrem kleinen Bruder und arbeitet aushilfsweise im Kindergarten. Sie kann sich schlecht an die alte Lebensweise anpassen, weiß aber auch nicht, wie sie heraus kommt. Während sie hier sitzt, erzählt sie uns traditionelle Geistergeschichten, die immer von einem Mann handeln, der in Seehundfell gekleidet aus den Bergen in die Dörfer kommt und Kinder stehlen möchte. Er hat einen bestimmten Geruch, an dem er immer wieder erkannt wird. 

Auch der nächste Tag empfängt uns mit strahlendem Sonnenschein. Zwar ist der Sund noch nicht frei, aber erneut suchen wir unseren Weg durch das Eis. Heute stehen auch Graham, Frank und Uschi am Steuer. In aller Ruhe können wir von den unendlich vielen Eisschollen ebenso viele Fotos schießen.

Am Kap Tobin befindet sich eine verlassene Siedlung, dort soll auch eine heiße Quelle sein. Dies Vorfreude auf ein gepflegtes Bad im Hot Pot hatte uns Paul schon genommen: Er war auf geführter Kajaktour dort und stellte fest, dass die Einheimischen Eisbärschädel in der heißen Quelle abkochen. Sein Foto war so eindeutig, dass wir keinen Bikini mitnahmen.

Graham, Astrid, Frank und Annette machten sich dann gut bewaffnet auf den Weg. Vor den meisten Häusern, die teilweise noch als Jagdhütten genutzt werden hängen Eisbärfelle zum Trocknen. Wir gehen mit einem Kribbeln im Nacken bis zur Spitze der Halbinsel und kommen sicher zurück. Als wir zunächst das Beiboot nicht finden zeigt sich Grahams britischer Humor: Where is the dinghy? THE POLARS ARE USING IT FOR A PICNIC!! WE HAVE GOT THEM.

Noch immer bleibt die Eiskarte für den Sund weiß. Dann wird gewandert. Das Expeditionsteam Frank, Graham, Astrid, Uschi und Annette starten gut ausgestattet in die Berge. Wege gibt es nicht, wir finden aber zwischen den Felsen und Schneefeldern farbige Markierungen, die angepeilt werden können. Es ist erstaunlich, wieviele kleine hübsche Blüten sich zwischen den Steinen eingebettet entfalten. Von den schönsten Felsen aus starten wir die Drohne und machen ein paar Gruppenselfies.

Am Abend lädt Paul zum Lachsessen ein, den er mit seinem Guide gefangen hat. Für acht Leute war der Fisch zwar nicht ausreichend, aber viele Abenteuergeschichten füllten den Tisch reichhaltig. Noch in der Nacht mußte Paul dann zur Polizei! Der örtliche Polizist möchte nächstes Jahr mit seiner Frau nach Neuseeland reisen und brauchte von dem Neuseeländer noch Reisetipps…

Text: Annette

Ulis Geburtstag!

Ulis erstes Geburtstagsgeschenk war ihre 05.00-06.00 Uhrwache, die ihr abgenommen wurde. So konnte sie gut ausgeschlafen ein reichhaltiges Geburtstagsfrühstück genießen. Auch der Gabentisch war großzügig gedeckt mit Geschenken, die schon in der Heimat den Weg an Bord fanden. Sie hat in den nächsten Wochen ausreichend Lesestoff und kann Karten spielen und dabei Whisky trinken. Ihre Crew hat für sie in Ittoqqortoormiit wunderbar weiche und warme Seehundfellhandschuhe gekauft. Aber heute wurden sie nicht gebraucht. Die Sonne schien wie an der Adria und tatsächlich zeigte sich eine kleine Sonnenröte auf dem Gesicht des Geburtstagskindes. Wir blieben heute faul in der Bucht, den hier gab es ganz großes Kino. Zunächst haben jetzt weitere vier Segeljachten den Weg nach Grönland geschafft. Mit allen Franzosen, Polen, Holländern, Briten … wurde vom Dinghi aus ein kleiner Schwatz gehalten und nochmal festgehalten: Uli und Astrid waren die Ersten! Und zum Schluß erschien zwischen den Eisschollen – ein Kreuzfahrtschiff! Kaum war dem Anker am fallen, spuckte das Schiff Mengen von roten Menschlein aus, die den Ort wie überrannten. Es sah lustig aus vom Deck der ANUK, als sich die roten Punkte wie in einem Computerspiel über Ittoqqortoormiit verteilten und nach drei Stunden wieder am Ausgangspunkt sammelten. Wir hatten mittlerweile neue Eiskarten und den Plan gefasst, am nächsten Tag in den Sund zu starten. Daher mussten auch Uli und Annette noch schnell in den Ort, um kurz vor fünf Bier und Wein aus dem einzigen Geschäft zu bunkern. Beim folgenden Spaziergang wurden wir sehr erstaunt: Mette hatte vor Nanu-Travel ein Zelt aufbauen lassen und einen alten Inuit mit einer Eisbärfellhose und -Handschuhen postiert. Das war der Magnet für ihren Shop und die meisten roten Punkte machten dort einen Stop. Außerdem wurde die Kirche geöffnet, was wir zuvor nicht einmal am letzten Sonntag beobachten konnten!

Am Pier trafen wir Jens, der zwar erst zur nächsten Crew gehört, aber bereits am Captainsdinner mit Lammkeule, Rotkohl, köstlichster Sauce und Kartoffeln teilnehmen durfte.

Nun ist die Bucht voller Boote und es wird Zeit, sich auf den Weg zu machen. Wir fahren zusammen mit der Tilvera, auf der Astrids alter Freund Heinz mit seiner Familie eine Abschiedsfahrt durch die Arktis macht. 

Text: Annette

In Ittoqqortoormiit

Am 20.07.2023 ist parallel zur ANUK die künftige Crew in Reykjavik gestartet. Ecki, Uschi, Annette und Frank haben sich am Inlandsflughafen getroffen. Indem wir unser Gepäck zusammen auf die Waage stellten, konnten wir genau die erlaubten 20 kg pro Person einhalten, so dass Ulis Lübecker Marzipan auch den Weg nach Grönland fand. Die 3,5 Stunden flogen wir über den Wolken, doch vor Grönlands Küste brach die Wolkendecke auf und eröffnete uns einen spektakulären Blick in den Scoresbysund. Wir landeten in Nerlerit Inaat. 1985 hatte eine Ölgesellschaft hier den Flughafen Constable Point gebaut. Als sie fünf Jahre später den Platz ohne Erfolg verließ, blieb er in dänischer Verwaltung und wird von Island aus angeflogen. Wir stiegen hier mit mehreren einheimischen Familien aus, die alle mit einem Helikopter nach Ittoqqortoormiit gebracht werden mussten. Der Pilot war ein junger Deutscher, der dort jeweils im 3-Wochen-Rhythmus arbeitet und schon einiges über die Region erzählte. Uschi und Ecki saßen im ersten Flug, dann kamen die grönländischen Familien mit insgesamt neun Kindern. Frank und Annette hatten den letzten Flug und nutzten die Wartezeit in der grönländischen Sonne für Gespräche mit dem Neuseeländer Paul und eine Wanderung mit dem Flughafenchef Morton zum nahegelegenen Fjord. Er gab uns viele Informationen zum Flughafenbetrieb, der lediglich aus ein paar Containern und Hütten besteht, in denen das Personal und die Piloten wohnen sowie seinem Leben als Däne in Grönland. Für das lange Warten wurden Annette und Frank mit einem fantastischen Heliflug über den eisbedeckten Sund und die Berge belohnt.

In Ittoqqortoormiit erwartete uns am Heliport Mette, die unser Gepäck mit einem Quad zu ihrem Gästehaus brachte. Wir folgten in einem kurzen Spaziergang zusammen mit Paul, vorbei am obligatorischen Kunstrasen-Fußballfeld, den ersten aufgehängten Eisbär- und Moschusochsenfellen zu dem gelben Gasthaus. Hier hatten Uschi und Ecki schon gekocht und es folgte ein geselliger Abend mit Paul, der zum Kajakfahren hergekommen ist. Ungewiß blieb, wann wohl ANUK ankommt.

Am nächsten Tag gingen wir wieder bei strahlendem Sonnenschein zu Mettes Touristenbüro. Sie hält hier die Organisation der touristischen Aktivitäten zusammen. Vorab hatte Uli bereits zwei Waffen bestellt. Ohne diese können wir den Ort nicht verlassen. Da das bisher nicht unser Thema war, erhielten Frank und Annette eine Einweisung von einem Jäger. Es gesellten sich gleich drei Kinder zu uns, die mit ihm verwandt waren und so spazierten mit Uschi insgesamt zu siebt zur Walrossbucht, einem sehr langen Sandstrand mit türkisem Wasser. Die Kinder warfen sofort Schuhe und Strümpfe in den Sand und wateten ins Wasser. Als Frank es ihnen gleichtat schmerzten ihn bei 1 Grad Wassertemperatur sofort die Füße. Wir erhielten eine Einführung in die Waffe und machten dann erste Aufnahmen mit der Drohne. Die Eisberge sind so schön! Ob wohl die ANUK schon welche gefunden hat?

Den nächsten Tag wollten Uschi und Ecki mit ein wenig einkaufen und dem Blick aus dem Fenster auf die Bucht genießen. Frank und Annette hatten sich Kajaks gemietet und haben eine lange Tour gemacht. Auch hier mussten sie ein Gewehr mitnehmen, da Walrösser für Kajaks sehr gefährlich werden können, insbesondere wenn sie in Paarungsstimmung sind. Außerdem sollten wir für den Fall, dass wir Narwale sehen sofort an Land paddeln. Denn diese würden gejagt und in diesem Jahr seien noch keine gesichtet worden. Wenn sich die ersten Tiere zeigen würden, dann würde die Jagd für uns Kanuten sehr gefährlich sein. Arme Einhörner…

Mit diesem Wissen fuhren wir die Küste entlang, vorbei an Eisschollen und Wasserfällen. Außer Wasservögeln haben wir keine Tiere gesehen, trotz Landpicknick und ausgelegter Angel. Abends erzählte uns Paul, dass ganz in der Nähe ein Eisbär geschossen worden sei.

Am Abend tauchte auf dem Schifffahrtsradar ein einsamer lila Pfeil auf. Konnten dass unsere wackeren Segelschwestern sein? Die ganze Nacht über bewegte sich der Pfeil langsam und in Schlängeln voran. Am Morgen dann bog er auf der Karte in den Sund ein. Ab da schauten wir mit dem Fernglas in den Morgennebel. Und als die Sonne diesen langsam anhob rief Uschi die erlösenden Worte: Ein Schiff! Tatsächlich hatte sich ANUK als erstes Schiff dieses Jahr in den Scoresbysund durchgeschlagen – diese Teufelsweiber! Das gab ein ordentliches Hallo und wir machten zu sechst einen langen Abendspaziergang in die Wallrossbucht. Für den nächsten Tag wurde der Crewwechsel vereinbart.

Text: Annette

Jagd Glück

Eigentlich wollten wir nur ein wenig Drohne fliegen im Abendlicht. Wir fahren mit dem Dinghy an den Strand der Kvalrosbukta. Da die Akkus recht leer sind kehren wir um als die Sonne hinter den Bergen verschwindet. Am Ufer sehen wir einige Menschenansammlungen. Mehrere Motorboote kreisen im Eis. Mit Zeichen gibt man uns zu verstehen, dass wir warten sollen. Es wird also gejagt. Bei der Aufregung muss es Walross oder vielleicht Narwal sein.

Schüsse sind zu hören, soweit wir erkennen können ist die Jagd beendet. Wir fahren zurück zur ANUK. Die liegt jetzt quasi in der ersten Reihe. Auf der größeren Eisscholle vor ihr versammelt sich gefühlt das halbe Dorf. Ein Walross wird längsseits gebunden hereingeschleppt und auf die Eisscholle gezogen. Aus der entgegengesetzten Richtung taucht ein weiteres Motorboot auf. Quer über dem Bug liegt ein Eisbär, am Heck hängt eine Robbe. Anscheinend ein erfolgreicher Tag. Die Stimmung ist ausgelassen und fröhlich. Den Jägern wird gratuliert. Mehrere Männer zerlegen gekonnt die Beute. Es sieht unglaublich geschickt aus. Scharfe Messer gleiten durch Haut, Fell und Fleisch. Das Fell des Eisbären wird in einem Stück abgetrennt, nicht ein Schnitt beschädigt das Fell. Annette, Magda und Uli sind mit dem Dinghy zur Scholle gefahren und können sich nicht satt sehen. Magda und Annette filmen und fotografieren.

Zurück an Bord wirkt das Erlebnis nach.  

Text: Uli

Bibbern

Am Nachmittag kommt Graham an Bord. Statt wie geplant nach Ittoqqortoomiit zu fliegen, steigt er schon hier zu, um uns auf der Überfahrt zu begleiten. Graham haben wir 2018 in Südgrönland kennengelernt. Sein Motto Seven Summits – Seven Seas. Jetzt noch Two Sisters, von den Seven Sisters hatte er noch nicht gehört. Für alle Unwissenden: diese Berge stehen in Norwegen und sind nicht ganz so hoch und nicht ganz so bekannt.

Bei bestem Segelwetter ging es dann los. Frische Brise, Segel gerefft, 7 kn Fahrt Richtung Norden. Auf ins Eis! Plan A war, dass wir durchkommen, am 23. Juli ankommen (also mit 1 Tag Verspätung gegenüber der ursprünglichen Planung) und Eshana und Wolfgang am 24. Juli ihren Flug nach Island erwischen. Plan B kommt zum Tragen, sollte das Packeis zu dicht sein. Wenn wir länger brauchen, besteht die Option die Flüge auf den 27. Juli umzubuchen. Plan C würde bedeuten, dass wir nicht durchkommen, zurück nach Island fahren, Eshana, Wolfgang und auch Magda und Gunther absetzen und unser Glück später nochmal probieren, dann allerdings nur zu dritt. Plan C will niemand.

Nach etwa einem Tag, am Freitag, flaut der Wind wie vorhergesagt ab und wir starten den Motor. Meist fahren wir durch dichten Nebel, ab und zu kommt die Sonne von oben durch. Samstag früh erreichen wir die Eiskante. Sie kündigt sich durch einzelne kleine Eisbrocken im Wasser an, wenige Minuten später sind es große Schollen und Brocken, zu dicht um durchzufahren. Wir navigieren an der Kante entlang gen Norden. Das Radar hilft, da die Sicht wirklich mies ist. Abends versuchen wir auf Höhe Kap Tobin an der Nordseite des Scoresbysundes den Eisgürtel zu durchfahren und brechen nach etwa 3 sm wieder ab. Ohne Satellitenbilder lässt sich nicht einschätzen, wie breit der Eisgürtel ist. Rechtzeitig bevor es zu eng wird das Schiff zu wenden müssen wir umdrehen. Erstmal also wieder raus. Bis Mitternacht arbeiten wir uns an der Eiskante weiter nach Norden vor. Dort vermuten wir, dass das Eisfeld etwas lückiger wird. Wir bibbern vor Kälte und ob der Unsicherheiten. Ob wir überhaupt eine Chance haben durchzukommen, wissen wir nicht. Und der Eisgürtel hier draußen ist ja erst die erste Hürde. Drinnen im Sund kann auch noch alles dicht sein. Zum Wachwechsel kündigt Uli an, dass wir nicht ewig weiter nach Norden fahren können und bald umdrehen müssen. Wir befinden uns bereits rund 15 sm nördlich der Einfahrt in den Sund. Der Nebel lichtet sich. Im Norden leuchtet der Himmel von der nicht untergehenden Sonne. Es klart auf. Nächster Vorstoß. Hinter dem Eis ist tatsächlich offenes Wasser zu erkennen. Also los, rein ins Eis. Uli steuert zügig durch die Lücken. Alles ist in Bewegung, eine leichte Brise und die Strömung schieben das Eis langsam ineinander, durcheinander und weiter. Wir sind fast durch, dann wird es eng. Nur 2-3 Schifflängen trennen uns vom freien Wasser aber vorne ist alles dicht. Wir suchen uns die größte Lücke aus und fahren ganz langsam rein, schieben die Schollen cm für cm zur Seite. Eshana und Wolfgang arbeiten am Bug mit Stange und Bootshaken. Sie schieben einerseits das Eis weg und manövrieren 18 t Schiff in die gewünschte Richtung. Das Eis schabt am Rumpf. Es ist mega spannend. Gut, dass wir ein stabiles Schiff haben! Mal schiebt das Eis das Schiff, mal schiebt ANUK das Eis sanft zur Seite. Irgendwann helfen Wind und Strömung doch, wir kommen frei und sind durch. Offenes Wasser voraus! Grönland, wir kommen!

Ich (Astrid) lege mich schlafen. Die Freiwache ist jetzt kurz und ich brauche etwas, um runter zu kommen und einzuschlafen. Früh um 4 Uhr muss ich wieder raus. Wir haben inzwischen die Einfahrt in den Sund erreicht. Die nahe Küste ist auf dem Radarbild gut erkennbar, dank des dichten Nebels ist sonst leider nichts zu sehen. Pünktlich zum Wachwechsel treffen wir vor Kap Lister wieder auf Eis. Wieder ist es zu dicht, um durchzufahren. Wir weichen nach Süden, dann Südwest aus. Irgendwann wird das Eis voraus immer dichter und wir entschließen uns Richtung Westen weiter in den Sund vorzuarbeiten. Der dichte Nebel macht es schwierig, einen passierbaren Weg zu finden. Erfreulicherweise kommen wir Stück für Stück weiter. Kap Swainson liegt hinter uns. Pünktlich zum Wachwechsel um 8 Uhr werden die Eisschollen nach und nach kleiner. Bei dichten Nebel arbeitet sich jetzt Eshana weiter vor. Radar und Ausguck am Vorschiff helfen, um den Eisbrocken auszuweichen. Um 9:22 Uhr ist es soweit: Land in Sicht! Begeisterter Ausruf von Eshana. Kap Tobin und die verlassene Siedlung Unarteq tauchen vor uns auf, ganz dicht, nur wenig Eis. Riesige Freude und Erleichterung – wir sind durch! So schnell wie der Nebel kommt, so schnell klart es auch auf. Bald haben wir freie Sicht und Sonnenschein. Ein grandioser Sonntagmorgen. Für die nächsten 6 sm bis Ittoqqortoomiit (Scoresbysund) benötigen wir 3 Stunden. Eine schöne Slalomfahrt durchs Treibeis. Im Sonnenlicht ist das Eis wunderschön! Um kurz nach 12 Uhr fällt der Anker dicht vor der Siedlung. Annette, Frank, Ecki und Uschi stehen am Ufer. Sie konnten unseren Zickzack Kurs durchs Eis schon länger verfolgen.

Wir sind in diesem Jahr das erste Schiff. Wir freuen uns riesig über unser Glück und freuen uns auf die Zeit hier!!!

Text: Magda und Astrid

Start ins Ungewisse

Wir studieren permanent Eiskarten und Satellitenbilder. Nachdem es anfangs ganz gut aus sah, hatte sich letzte Woche vor den Eingang zum Scoresbysund wieder dichtes Packeis geschoben. Jetzt wird der Eisgürtel  Stück für Stück wieder schmaler und auch im Sund bricht das Eis langsam auf. Die letzte Eiskarte vom Dänischen Wetterdienst ist 3 Tage alt. Die Satellitenbilder zeigen meist nur Wolken oder Bereiche die uns weniger interessieren. Trotz alledem wollen wir gleich los. Letze Einkäufe sind verstaut, Diesel und Wasser sind vollgetankt, Hafengeld ist bezahlt und ausklariert haben wir auch. Plan ist, dass wir noch die nächste Eiskarte aus Norwegen abwarten und dann starten. Die nächste Crew ist bereits heute in Ittoqqortoormiit gelandet. In 2 Tagen werden wir sehen, ob wir durchkommen oder nicht. Reinhard und Peter werden uns unterwegs mit Eisinfos versorgen. Kleine Ausschnitte der Eiskarten und Satellitenbilder können wir über Iridium-Satellitenmail empfangen. 

Heute, Donnerstag 20. Juli, sitzen wir bei Sonne vorm Fish & Chips beim Mittagessen. Angeblich und tatsächlich der beste Fisch in der Gegend oder auch auf ganz Island. Sehr lecker! Zum Nachtisch gibt es Eis aus dem Supermarkt. Auch sehr lecker.

Fast pünktlich kurz nach drei kommt Graham mit dem Taxi aus Akureyri. Als Teil der nächsten Crew steigt er schon in Island dazu, um uns auf der Überfahrt zu begleiten. Leinen Los um 15:30. Mit einem Reff und gut 6 kn Fahrt segeln wir bei bestem Sonnenschein gen Norden. Drückt uns die Daumen, dass uns das Eis durchlässt! Bis bald….

Text: Astrid